Ein Zustand zwischen Bewegung und Stillstand. Gerald Berghammers fotografische Arbeiten entwickeln sich genau aus diesem Spannungsfeld. Sie entstehen aus einer fokussierten Verdichtung von Wahrnehmung und untersuchen, wie sich Raum, Licht und Zeit in einen gemeinsamen Zustand überführen lassen. Seit 2002 lebt und arbeitet der in Oberösterreich geborene Fotograf in Wien, wo er auch die SILVERFINEART Gallery betreibt. Seine künstlerische Praxis ist eng an handwerkliche Präzision gebunden; 2010 schloss er seine Ausbildung mit dem Meistertitel ab. Diese Verbindung aus technischer Kontrolle und inhaltlicher Reduktion prägt seine Bildsprache bis heute.
In der Serie Between Light and Silence führt Berghammer diesen Ansatz konsequent aus: Sie erkundet Landschaft als Schwellenraum – zwischen Dynamik und Stillstand, Präsenz und Abwesenheit, Präzision und Abstraktion. Lange Belichtungszeiten lösen Wasser und Himmel in fließende, nahezu immaterielle Flächen auf. Was bleibt, sind präzise gesetzte Fixpunkte: Felsformationen, architektonische Strukturen oder vegetative Linien, die dem Bild Halt geben. Licht wird hier nicht abgebildet, sondern tritt als formende Kraft auf – Stille wird zum erfahrbaren Zustand. So entstehen Kompositionen, die weniger zeigen als ordnen – und Wahrnehmung bewusst verlangsamen. Eine Einladung, Raum, Zeit und Erinnerung neu zu justieren.
Dass sich diese Haltung auch in Farbe fortsetzen lässt, beweist Berghammer mit der Serie Waiting for Summer meisterlich. Auf den ersten Blick verändern sich die Mittel: leuchtende Tretboote, klare Farbflächen, ein fast grafischer Bildaufbau. Doch auch hier geht es nicht um das Ereignis, sondern um den Moment davor. Die Boote verharren dicht über der Wasseroberfläche, während sich Wetter und Licht verschieben; der Ort des Vergnügens wird zur atmosphärischen Szenerie der Erwartung. Die kräftigen Farben treten dabei in ein elektrisiertes Verhältnis zur gedämpften Umgebung und machen sichtbar, was die Serie im Kern verhandelt: das Spannungsfeld zwischen Erwartung und Erleben; eingefrorene Antizipation – eine sanft schaukelnde Erzählung von Vergänglichkeit, Sehnsucht und dem Rhythmus der Jahreszeiten.
Zwischen diesen beiden Werkgruppen spannt sich ein präzise austariertes Feld. Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die Weite und Reduktion in eine fast zeitlose Form überführen, stehen neben farbigen Kompositionen, in denen sich Ordnung, Symmetrie und Kontrast verdichten. In beiden Fällen folgt die Bildsprache demselben Prinzip: Sie nimmt zurück, was ablenkt, und schärft, was sonst unsichtbar bleibt.
Berghammers Arbeiten fordern kein schnelles Sehen, sondern ein bewusstes. Denjenigen, die innehalten, geben sie eine neue, entschleunigte und intensivere Form der Wahrnehmung zurück.
Picasso sagte einst: „Du machst keine Kunst, du findest sie“. Wo findest du deine Kunst?Meine Kunst finde ich auf zwei verschiedene Arten. Zum einen fahre ich gezielt an Orte, wobei ich mich im Vorfeld intensiv damit beschäftige, die für mich beste Wettersituation zu finden. Das optimale Wetter ist für mich ein stark bewölkter Himmel, kurz vor dem Regen. Zum anderen plane ich eine Reise in ein Land, miete mir ein Auto und fahre durch Straßen, in denen ich glaube, Interessantes entdecken zu können. Diese Art ist für mich die spannendere und interessantere, weil sich dabei nichts wirklich planen lässt. Ich muss mich ganz auf die jeweiligen Gegebenheiten einlassen und mit dem umgehen, was mir unterwegs begegnet.
Von der Idee bis zur Verwirklichung: Wie gehst du an deine Arbeiten heran?
Es gibt Motive, bei denen ich ein ganz bestimmtes Bild im Kopf habe, wie ich sie festhalten möchte. Das erfordert oft, einen Ort über lange Zeit immer wieder aufzusuchen und darauf zu hoffen, dass sich genau die Stimmung ergibt, die ich mir vorstelle. Viel planen kann man dabei nicht – außer, bereit zu sein, wenn dieser Moment eintritt. Denn in der Landschaftsfotografie ist das Zeitfenster für eine Aufnahme meist sehr kurz.
Dein Lieblingsbuch?
Ansel Adams’ Buch Das Negativ hat mir sehr viel beigebracht. Daraus habe ich gelernt, wie wichtig die richtige Belichtung ist und wie man ein Negativ so entwickelt, dass es sich genauso vergrößern lässt, wie man es sich vorstellt. Es ist eines der wenigen Bücher, das nicht irgendwo verstaut ist, sondern immer griffbereit liegt
Mit welchem Künstler würdest du gerne Kaffee trinken und worüber würdet ihr sprechen?
Ansel Adams wird der Satz zugeschrieben, dass das beste Bild immer das ist, das man nie gemacht hat. Diesen Gedanken würde ich mir gerne einmal von ihm persönlich genauer erklären lassen. ;)
Wie kamst du zur Kunst?
Ich habe lange Zeit im Ausland als Techniker gearbeitet. Um meinen Freunden und meiner Familie zu Hause meine Eindrücke zu zeigen, begann ich damals, sie mit einer kleinen Kamera festzuhalten. Mit der Zeit wurde mein Interesse an der Fotografie immer größer, und ich merkte, dass mein Wissen dafür nicht ausreichte. Deshalb entschloss ich mich, neben meinem Beruf eine fotografische Ausbildung zu machen. Es folgten die Gesellenprüfung und später die Meisterprüfung. Schließlich gab ich meinen Beruf als Techniker auf und entschied mich ganz bewusst für den Weg als Fotograf. Das ist inzwischen etwa 15 Jahre her.
Welche Menschen in deiner Umgebung beeinflussen dich?
Eigentlich fasziniert mich jeder Mensch, der etwas aus Leidenschaft macht, ohne genau zu wissen, ob es sich finanziell rechnet. Besonders beeindrucken mich Künstler, die ihre Kunst nicht mit dem Gedanken schaffen, was sie dafür verlangen können, sondern einfach deshalb, weil sie Kunst machen wollen. Genau diese Haltung beeinflusst mich.
Stell dir vor, du hast eine Zeitmaschine. Wohin geht die Reise?
Ich bin in der Nähe des Attersees geboren, wo Gustav Klimt zwischen 1900 und 1916 regelmäßig seine Sommer verbrachte. Genau dorthin und in diese Zeit würde ich gerne einmal reisen, um ihm dort am See zu begegnen.
Deine größte Leidenschaft abseits der Kunst?
Reisen um Kunst zu machen.
Woran arbeitest du zurzeit?
Es ist mir wichtig, mein Portfolio kontinuierlich weiterzuentwickeln und zu erweitern. Dabei entstehen Bilder, die sich in Ausstellungen hervorragend mit anderen Arbeiten ergänzen. Das ist nicht geplant, sondern entwickelt sich über die Jahre ganz von selbst.