Mit BAROQUE POOLS eröffnet Tomislav Marcijuš einen Bildraum, in dem Architektur, Erinnerung und Imagination nahtlos ineinander übergehen. Das Sakrale, das Intime und das Spielerische treten in einen eleganten Dialog, bereichert durch eine bewusst theatralische -beinahe opernhafte - Qualität. Es entsteht ein visueller Raum, der unmittelbar zugänglich wirkt und doch nie wirklich existiert hat. Die Kompositionen positionieren die Betrachtenden wie in einem Zuschauerraum: distanziert und beobachtend, zugleich aber emotional eingebunden. Bewusst miniaturisierte, manieristisch anmutende Figuren schärfen das Verhältnis von Raum, Maßstab und Atmosphäre - nicht als handelnde Protagonisten, sondern als Maßeinheiten innerhalb einer imaginierten Bühne.
Die Arbeiten greifen Marcijuš’ langjährige fotografische Auseinandersetzung mit Badehäusern, Kirchen und Villeninterieurs auf, insbesondere in Italien, und verdichten diese Begegnungen zu spekulativen Szenarien. Wasser fungiert dabei zugleich als ordnende wie als auflösende Kraft: Es mildert die Strenge barocker Formen, verleiht ihnen Leichtigkeit und eröffnet neue Möglichkeiten der Bewegung. In jedem Bild begegnen sich Theatralik und Stille, Überschwang und Intimität - und treten wieder zurück, als würde die Architektur sich fortwährend neu justieren.
Marcijuš, ein kroatischer bildender Künstler und Fotograf, ist für seine poetische und emotional vielschichtige Bildsprache bekannt. Seine Praxis kreist um Themen wie Erinnerung, Zugehörigkeit, Familie und Zeit und verwebt persönliche Erfahrungen mit kulturellen und historischen Schichten. Internationale Publikationen haben diese intime, atmosphärische Qualität einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Neben seiner künstlerischen Arbeit ist Marcijuš ein preisgekrönter Hochzeitsfotograf. Sein dokumentarischer, zurückhaltender Ansatz sowie seine Sensibilität für Licht, Raum und Stimmung prägen auch BAROQUE POOLS: Im Mittelpunkt steht nicht das Ereignis, sondern das Gefühl - nicht der Moment selbst, sondern sein nachklingendes Nachbild.
In den letzten Jahren hat Marcijuš seine Praxis um KI-generierte Bildwelten erweitert. Auch hier führt er Erfahrung, Ästhetik und Experiment zusammen, um neue Formen visuellen Erzählens zu erkunden. BAROQUE POOLS existiert genau an dieser Schnittstelle: digital erschaffen, getragen von Vorstellungskraft und einem tiefen Gespür für Atmosphäre sowie für zeitlose Bildräume, die zwischen Vergangenheit und Gegenwart schweben. Eine leise Verspieltheit ist dem melancholischen Unterton eingeschrieben - ein Spiel mit Wahrnehmung und Illusion, das an Arnold Böcklins Spiel der Wellen erinnert, sich jedoch weniger an stilistischen Traditionslinien orientiert als an einem offenen, zeitgenössischen Bildverständnis.
Letztlich ist BAROQUE POOLS nicht nur eine Untersuchung von Architektur, sondern des Sehens selbst - und davon, wie digitale Werkzeuge kulturelles Erbe neu erfahrbar machen können, ohne seine Komplexität zu glätten. Die Serie schreibt nichts vor; sie öffnet. Sie schafft Räume für Imagination, Erinnerung und Sehnsucht, in denen Sinnlichkeit und Fantasie in einer sanften, kontinuierlichen Bewegung ineinanderfließen.
Picasso sagte einmal: „Du machst keine Kunst, du findest sie.“ Wo findest du deine Kunst?
Ich finde meine Kunst in alltäglichen Dingen, in Details, die oft unbemerkt bleiben – in Gesprächen und Kindheitserinnerungen. Inspiration kommt nicht immer als große Idee zu mir; häufiger erscheint sie als Gefühl oder als Fragment, das mich genug fasziniert, um es weiter zu erforschen.
Von der Idee bis zur Verwirklichung: Wie gehst du an deine Arbeiten heran?
Meine Arbeit beginnt meist mit Intuition – einer Idee, einer Stimmung oder einer Frage, die immer wieder zu mir zurückkehrt. Darauf folgen Recherche, Skizzen und Überlegungen zu der Form, in der ich sie am präzisesten ausdrücken kann, sei es als persönliches fotografisches Projekt, als inszeniertes Shooting oder als KI-Kollektion. Dabei ist es mir wichtig, auch Raum für Spontaneität zu lassen, denn die interessantesten Veränderungen entstehen oft erst im Prozess selbst.
Dein Lieblingsbuch?
Kiklop von Ranko Marinković.
Mit welchem Künstler würdest du gerne Kaffee trinken und worüber würdet ihr sprechen?
In letzter Zeit denke ich oft daran, mit Louise Bourgeois einen Kaffee zu trinken, weil ich sie gerne fragen würde, ob sie beim Erschaffen der Skulptur Maman gespürt hat, dass dies das größte Werk ihres Lebens werden würde – und ob es dieses Gefühl überhaupt gibt. Ich glaube, wir würden darüber sprechen, wie sehr Intuition eine Künstlerin oder einen Künstler leitet und wie man sich selbst über Zeit und Veränderung hinweg treu bleibt.
Wie kamst du zur Kunst?
An diesem Punkt meines Lebens bin ich mir nicht sicher, ob ich zur Kunst gekommen bin oder ob die Kunst zu mir gekommen ist. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob man sie findet oder ob man über die Geschichte der eigenen Wurzeln und der Familie zu ihr gelangt – unabhängig davon, ob jemand in der Familie mit Kunst zu tun hatte. Ich denke, dass ich im Laufe des Erwachsenwerdens meine Art zu sehen und zu beobachten auf subtile Weise verfeinert habe, und ich glaube, dass auch mein Umfeld meinen Sinn dafür geprägt hat, in kleinen, alltäglichen Dingen etwas Kreatives zu entdecken. Mit der Zeit wurde meine Kunst zur Fotografie – zu meiner aufrichtigsten Ausdrucksform und zu einem Raum, in dem ich Gedanken, Emotion und Form miteinander verbinden kann.
Welche Menschen in deiner Umgebung beeinflussen dich?
Meine Frau. Ich denke, die vorherige Frage hängt auch mit dieser zusammen. Ich glaube nicht, dass ich bestimmte Dinge in meinem Leben miteinander verbunden hätte, und ich kann nicht mit völliger Sicherheit sagen, dass ich heute der Mensch wäre, der ich bin, wenn es sie nicht gäbe.
Stell dir vor, du hast eine Zeitmaschine. Wohin geht die Reise?
In die Kindheit. Denn unser ganzes Leben ist eigentlich eine Reise zurück in die Kindheit.
Deine größte Leidenschaft abseits der Kunst?
Musik, Film und Sport.
Woran arbeitest du zurzeit?
Im Moment arbeite ich an einem detaillierten Entwicklungsplan für mein neues persönliches Projekt „Southern Transdanubia“, das auf subtile Weise an mein vorheriges Projekt „Our Embrace Will Be Long Like the Waiting"“ anknüpft.