Vielschichtigkeit ist Roland Stratmanns künstlerisches Leitmotiv: Seine Werke entfalten sich in Ebenen – grafisch, historisch, erzählerisch. Ohne sie festzulegen, bringen feine Tuschezeichnungen und sprachliche Fragmente Bedeutung ins Flirren der Geschichten im Hintergrund.
Die Grundlage bilden sogenannte gelaufene Postkarten: bereits verschickte, mit Handschrift versehene Dokumente des Alltags, Spuren zwischenmenschlicher Kommunikation, Erinnerungsstücke im Kleinformat. Sie sind visuelle Relikte und narrative Träger zugleich.
Diese Karten, gesammelt aus aller Welt, bilden das Fundament seiner Arbeiten – im wörtlichen wie übertragenen Sinn. Ihre Gebrauchsspuren, Texte, Stempel und Uneindeutigkeiten bleiben erhalten, werden nicht überdeckt, sondern eingebunden. Was teilweise entzifferbar, teils chiffriert ist, lädt zur Entschlüsselung ein. Sie verbinden Gegenwart und Vergangenheit, Zeitzeugnis und Komposition, das Persönliche mit dem Gesellschaftlichen.
Darüber legt Stratmann eine zweite Ebene: Adaptierungen symbolträchtiger Motive aus der Kunst- und Kulturgeschichte, gezeichnet mit Tusche – präzise, fein, durchlässig für das, was darunter liegt. Seine Vorlagen wählt Stratmann mit Bedacht – Lucas Cranachs Adam und Eva oder Albrecht Dürers Rhinocerus: kunsthistorisch verankert und zugleich bewusst aufgeladen.
Eine dritte Schicht durchzieht die Werke typografisch: Fragmente von Botschaften, manchmal lakonisch, manchmal ironisch, immer mit doppeltem Boden. Wer zwischen die Zeilen schaut, kann Zusammenhänge zwischen Bildsprache und Postkarteninhalt erkennen. So ergeben sich auch die Titel seiner Werke.
Das Werk „Couples – Like Always“ verweist auf ein Gemälde der Renaissance von Lucas Cranach, einer Darstellung von Adam und Eva, und ein Foto von Eliot Elisofon aus den 1950er Jahren, das zwei Angehörige des Boende Stammes in Westkongo zeigt. In dem Bild treffen zwei Paare aus verschiedenen Kulturkreisen aufeinander. Das Irritieren gewohnter Sichtweisen schafft Raum für Reflexionen über nah und fern, Fremdes und Vertrautes. Über Zeiten, Kulturen und Bildebenen hinweg treten wir in einen Dialog – wortwörtlich getragen vom stillen Hintergrundrauschen der Postkarten, die Geschichten andeuten, ohne sie gänzlich aufzulösen. Aus dieser Schwebe entsteht ein weiterer stiller Dialog – zwischen der Bildsprache und der Fantasie des Betrachters.
In „Dilemma“ verschiebt Stratmann diesen Dialog ins Interaktive: Im Rahmen eines interdisziplinären Projekts unter der Überschrift Krise und Gestaltung bat er Bürgerinnen und Bürger eines Hamburger Vorortes, Postkarten zum Thema Krise zu schreiben. Diese Zuschriften, ein Kaleidoskop aus individuellen Reflexionen und Beobachtungen, bilden die Grundlage des Werks – visuell wie gedanklich. Im Vordergrund: Als überdimensionierte Tuschezeichnung und neu zum Leben erweckt – Dürers Rhinocerus. Ein Panzernashorn, das im Jahr 1515 als Geschenk für den Papst während der Verschiffung nach Rom unterging – und daraufhin als Reproduktion eines kleinformatigen Holzschnitts von Albrecht Dürer um die Welt ging. Heute ist das Tier vom Aussterben bedroht.
Vor dem Hintergrund der Postkarten, die ein ganzes Spektrum einfangen, entsteht so eine Hommage an die Vielfalt – der Tierarten, der Dinge, die uns bewegen, die schützenswert sind. „Viele Grüße an alle, die nach mir fragen“, lautet die Typografie. Getragen von den Botschaften auf den Postkarten, wird Stratmanns Werk zu einem Archiv vielfacher Erinnerungen und Geschichten für die es sich lohnt genau hinzusehen.
Was passiert, wenn Wissen verloren geht? Auch in Werksets mit Postkarten im Sonderformat greift Stratmann das Thema der Vergänglichkeit und des Artenschutzes auf. Hier wird die einzelne Postkarte zum Hauptakteur. Auf der beschriebenen Seite einer Postkarte ist ein naturalistisches Tiermotiv gezeichnet und mit einem farbigen Schriftzug versehen. Dieser bedeutet übersetzt in die Landessprache jenes Landes aus dem die Postkarte versendet wurde: Gast oder Besucher. Wer aufmerksam hinschaut, erkennt Zusammenhänge zwischen Adressaten, Grußzeilen und Tiermotiven – eine subtile Hommage an die Neugier, das Interesse an dem, was allzu leicht aus dem Blickfeld gerät.
Dass Roland Stratmann mit Postkarten arbeitet, ist kein Zufall. Er setzt sie ein als kommunikative Brücke, um uns damit ein Tor zum Verständnis der Welt zu öffnen. „Jede verschickte Postkarte trägt eine persönliche Botschaft in die Welt, gleichzeitig ist sie Teil unserer Geschichte und des kollektiven Gedächtnisses.“ In den handschriftlichen Spuren sieht er einen „Bildteppich, der den Kosmos menschlicher Kreativität sichtbar macht“ – und in der Summe ihrer Stimmen ein vielstimmiges Archiv aus Natur, Kulturen und Zeiten.
Seine Werke leben von dieser Vielstimmig- und Vielschichtigkeit. Er ist ein Künstler des Feinen – nicht des Zarten, seine Linien sind entschieden, seine Motive klar: Unaufdringlich und doch unüberhörbar fordern sie zur Aufmerksamkeit auf – für das, was war, was ist, was verloren zu gehen droht, wenn wir es übersehen.