Melina Gerdts nähert sich der Landschaft mit dem Blick einer Künstlerin, deren fotografisches Sehen vom Abstrakten geprägt ist. Entstanden auf über 4.200 Metern Höhe in den bolivianischen Anden, zeigt
Red Laguna eine Natur von radikaler Klarheit: Eisen- und mineralhaltiges Wasser färbt die Lagunen tiefrot, das Licht ist grell und unnachgiebig, Formen zeichnen sich scharf gegen den Horizont. Doch Gerdts sucht nicht das Spektakel – sie sucht nach Strukturen, nach bildnerischer Ordnung, nach Momenten, in denen sich Natur zu Fläche, Farbe und Form verdichtet.
Die Arbeiten entstehen mit einer analogen Präzision im digitalen Medium: Gerdts fotografiert direkt, ohne Manipulation, aber mit klarem Formbewusstsein. Sie wählt Ausschnitte, in denen die Landschaft zur abstrakten Fläche wird. Die Betrachtung wird zum Zustand zwischen Faszination und Kontemplation.
Inspiriert von Malern der Moderne wie Kandinsky oder Rothko nähert sich Gerdts der Fotografie wie mit dem Pinsel, denkt in Ebenen, Richtungen, Gegensätzen. Die Farbflächen der Lagunen, die sich je nach Lichteinfall von Zinnoberrot bis Ocker wandeln, entfalten sich in ihren Bildern wie Öl- und Acrylfarben auf der Leinwand. Chileflamingos durchziehen die Serie wie leise Gegenstimmen – als ornamentale Setzungen im Bildgefüge, zufällig und doch rhtyhmisch. Eine stille Erinnerung daran, dass der Ausschnitt kein Resultat von malerischer Komposition, sondern präzisier Beobachtung und gelebter Erfahrung ist:
Die Serie entstand im Rahmen einer mehrtägigen Expedition durch das Reserva Nacional de Fauna Andina Eduardo Abaroa, eine Region von außerordentlicher Schönheit – und großer Fragilität. Die Färbung des Wassers, so surreal sie wirkt, ist ein chemisches Resultat: ein Gleichgewicht, das durch Klimawandel und Rohstoffabbau akut bedroht ist.
Red Laguna ist eine Bestandsaufnahme und zugleich eine Hommage – an die Schönheit und Zerbrechlichkeit der Natur, an ihre Fähigkeit, von sich aus abstrakt zu sein. Ihre Bilder sind still, präzise und offen – sie zeigen nicht nur, was ist, sondern was entdeckt werden kann, wenn man anders hinschaut. Was in der Abwendung vom Gegenständlichen bleibt, ist nicht das Erkennen, sondern das Sehen.