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© ART – Das Kunstmagazin | Juni 2021


Exklusiv für LUMAS Kunstliebhaber:
Gemeinsam mit dem Kunstmagazin ART präsentieren wir Ihnen hier jeden Monat einen ausgewählten Artikel
sowie einen Ausstellungstipp aus der aktuellen Ausgabe.
Vorbeischauen lohnt sich.



Ausstellungstipp | ARAKI

Der japanische Bildkünstler verbindet in seinen Arbeiten Kunst und Leben

Wien, Albertina Modern
26.05.2021 – 29.08.2021



Herr Steidl macht’s

Es hat eine halbe Ewigkeit gedauert, doch jetzt wird das Kunsthaus Göttingen eröffnet – ein besonderes Haus, das die niedersächsische Stadt auf die Landkarte der Gegenwartskunst setzen will. Ein Besuch bei Gerhard Steidl, ohne den das Projekt nicht möglich gewesen wäre.

Text: Ute Thon


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Foto 1: Feine Linien, klares Konzept: Das neue Kunsthaus Göttingen wurde vom Leipziger Architekturbüro Atelier ST entworfen | Foto 2: Von außen passt sich das neue Kunsthaus der Altstadtsilhouette an; das kleine Haus rechts daneben ist von 1310 und Günter Grass gewidmet | Foto 3: Innen ist es kompromisslos modern mit Sichtbeton, poliertem Estrich und extrahohen Türen| Foto 4: Minimalistische Eleganz auch in dem lichten Foyer, von dem es einen Durchgang zum Garten gibt © 2021 Simone Bossi


Seien wir ehrlich: Göttingen ist nicht der Ort, an dem man große Kunst erwartet. Die niedersächsische Universitätsstadt, idyllisch – und etwas abseits – am südlichen Harz gelegen, hat hübsche Fachwerkfassaden, vor dem alten Rathaus den Gänseliesel-Brunnen, einen bescheidenen Kunstverein und ein paar kleine Galerien. Doch eigentlich schmückt man sich hier mit Wissenschaft: Es gibt weltberühmte Institute für experimentelle Medizin, Molekularbiologie, Neurowissenschaften, Sonnensystemforschung, 45 Nobelpreisträger hat die Stadt schon hervorgebracht . Aber jetzt will sie auch künstlerisch höher hinaus. Im Juni eröffnet das Kunsthaus Göttingen, eine schicke neue Ausstellungshalle mitten in der Altstadt, die der Eckstein eines pulsierenden Kulturquartiers mit Skulpturengarten, Literaturhaus, Plakatarchiv, Bücherturm und Workshop-Spaces für Künstler werden soll.

Ende April ist es in der Düsteren Straße noch recht still. Zwischen roten Backsteinfassaden und gedrungenen Fachwerkhäuschen reckt sich das neue Kunsthaus in den Mittagshimmel: ein schlanker viergeschossiger Bau mit spitzem Giebel, elegant verputzt in hellgrauem Streifenrelief. Hier wird demnächst »zeitgenössische Kunst mit internationaler Ausrichtung« präsentiert: Arbeiten auf Papier, Fotografie und Videokunst. Am Eingang neben der verschlossenen Tür verweist ein Frauenporträt in türkisblauem Wasser auf die kommende Ausstellung: »Roni Horn: You are the Weather«. Im Garten rücken Arbeiter mit einem Tieflader eine Granitskulptur zurecht. Irgendwo im Hintergrund meint man Druckmaschinen klappern zu hören.

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Foto 1: Blick ins »House of Words« mit Wandzeichnungen und Skulpturen von Jim Dine POET SINGING (THE FLOWERING SHEETS), 2020 © 2021 Harf Zimmermann | Foto 2: Testlauf: Fotokünstler Gilles Peress experimentierte in den leeren Räumen mit Druckbögen und Motiven aus seinem neuen Nordirland-Buch © 2021 Emilia Hesse / Steidl Publishers


Das ist das Motorengeräusch des neuen Kunstquartiers. Denn nicht ganz zufällig steht das Kunsthaus in direkter Nachbarschaft des Steidl Verlags, dem Druckimperium des legendären Verlegers, Ausstellungsmachers und Kunst-Impresarios Gerhard Steidl. Es ist seine Idee, er hat das Projekt über Jahrzehnte vorangetrieben, Politiker überzeugt, Geldgeber gefunden, Künstler hergelockt, das Grundstück gestiftet, die Bauarbeiten überwacht. Er ist auch der Gründungsdirektor. Also gleich mal am Firmentor klingeln. Auch wenn der Steidl Verlag in Kunstkreisen als heiliger Gral gilt – der Olymp, in dem Papierträume wahr werden – auf den ersten Blick ist es ein schnörkelloser Handwerksbetrieb, wo Leute in abgedunkelten Räumen vor Bildschirmen arbeiten oder an großen Druckmaschinen hantieren, wo es nach Farbe riecht und sich Papierstapel bis zur Decke türmen.

Steidl ist der Olymp, in dem Papierträume wahr werden


Der Meister kommt über eine Metallbrücke vom Gartenhaus herein. Er trägt seinen Signature Look: weißer Kittel, Jeans, Turnschuhe, Brille, leicht mürrischer Blick. In der Kitteltasche summt beständig das Telefon. Es ist gewiss nicht so, dass Gerhard Steidl unterbeschäftigt wäre. Gerade müssen aufwendig gestaltete Einladungskarten für Chanel fertig werden, an der Druckerpresse laufen die Buchseiten für Antanas Sutkus’ neuen Fotoband durch die Maschine, auf einem Arbeitstisch wartet Damien Hirsts Künstlerbuch in Kühlschrankform auf seine Vollendung, und in ein paar Tagen ist im Kunstmuseum Appenzell Eröffnung von »Zaubern auf weissem Papier«, einer von Steidl kuratierten Ausstellung über Künstlerbücher von Andy Warhol bis Dayanita Singh.

Dennoch nimmt er sich Zeit für eine Führung durch »sein« Kunstquartier. Und natürlich beginnt die in der Druckerei: Vorbei an Kartons und zerknitterten Andruckbögen geht es durch ein Labyrinth von Räumen, wo retuschiert, belichtet, digitalisiert, gedruckt und gestapelt wird. Zwischendurch ertasten wir Papierproben, seidig glatte Blätter aus Baumwolle, samtige Texturen aus England. »Papier ist so wichtig«, sagt der Verleger. »Und das richtige zu finden, ist auch eine Kunst.« Papier ist Gerhard Steidls große Leidenschaft, das Medium, mit dem seine Karriere startete – und das jetzt in seiner Heimatstadt eine besondere Bühne bekommen soll.

Bereits 1968, da war er gerade mal 18, gründete Steidl seinen eigenen Verlag und richtete in Göttingen eine Siebdruckwerkstatt ein. Schon bald druckte er Plakate und Multiples für Joseph Beuys und Klaus Staeck. Er und ein paar kunstsinnige Freunde träumten damals schon von einem Ausstellungshaus für zeitgenössische Kunst. »Um den Göttingern unsere Idee schmackhaft zu machen, haben wir 1970 den Kunstmarkt initiiert, Künstler und Galeristen zeigten dort in Zelten vor der Stadthalle ihre Arbeiten. Der Eintritt war frei, und zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in Göttingen die Möglichkeit, zeitgenössische Kunst kennenzulernen. « Außerdem organisierten sie Kongresse mit dem Titel »Die Kunst, eine Stadt zu bauen« und diskutierten mit Architekten, Städteplanern und Künstlern darüber, wie man in Göttingen Kunst in der Innenstadt installieren könnte.

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Die seriellen Porträts der US-Künstlerin beschäftigen sich mit Fragen zur Identität RONI HORN: INSTALLATIONSANSICHT DER SERIE »YOU ARE THE WEATHER, PART 2«, 2010-11
© 2021 Stefan Altenburger / Courtesy of the artist and Hauser & Wirth


Aufbruch lag in der Luft. Von der Göttinger Altstadt bis nach Kassel, wo die documenta für neue Sehgewohnheiten sorgte und Joseph Beuys’ Honigpumpe bedeutungsvoll gluckerte, waren es nur 50 Kilometer. Dennoch sollten bis zur Realisierung des Kunsthaus- Traums noch fast 50 Jahre vergehen. Steidl mauserte sich vom Drucker politischer Plakate und Sachbücher zum angesehenen Verleger exquisiter Literatur, Kunst- und Fotobände. Mit Günter Grass, Halldór Laxness und Orhan Pamuk hat er selbst drei Nobelpreisträger im Programm. Und auch die Großen der Kunstwelt stehen längst Schlange, um mit ihm Bücher zu machen. Höchste handwerkliche Qualität, Detailbesessenheit und Experimentierfreude sind Steidls Markenzeichen. Das imponierte auch Karl Lagerfeld, mit dem der Verleger über Jahrzehnte eine kreative Freundschaft pflegte und viele Bücher realisierte.

Die guten Kontakte zahlen sich jetzt für das Kunsthaus Göttingen aus. Für den Bau und die Entwicklung des Kunstquartiers holte Steidl wichtige Verbündete mit ins Boot. Die Stadt hat 4,5 Millionen Euro aus dem Bundesprogramm für Städtebau erhalten. Zwei Unternehmer aus der Technologie- und Medizinbranche unterstützen das Projekt mit Millionensummen. Und als Gründungskuratorin wurde Ute Eskildsen gewonnen, die ehemalige Leiterin der fotografischen Sammlung und stellvertretende Direktorin des Museums Folkwang in Essen.

Als Gerhard Steidl nach einer ausgedehnten Runde durch die Nachbarschaft endlich die Tür zum neuen Kunsthaus aufschließt, geschieht etwas Magisches. So dezent, wie sich der Bau, entworfen vom Leipziger Architekturbüro Atelier ST , äußerlich in die Altstadtsilhouette einpasst, so kompromisslos modern wirkt er von innen: kühler Sichtbeton, polierter Estrich, ein lichtes Foyer mit Durchblick zum Garten. Hier öffnet sich ein Freiraum für die Kunst. Drei wohlproportionierte Galerieräume auf vier Stockwerken, jeder rund 120 Quadratmeter groß, bieten Platz für intime Einzelpräsentationen oder größere Themenausstellungen. Die Wände sind chipperfieldgrau gestrichen. Im Erdgeschoss hängen gerade noch Schwarzweißbilder des französischen Fotoreporters Gilles Peress vom Nordirland-Konflikt: Schusswaffen, junge Männer, Graffiti, Kinogangster, Tote – mal übergroß auf Papier gedruckt, mal als Ziehharmonika gefaltet, mal als provisorisches Buch auf einem Tisch. In der Mitte bedruckte Papierstapel auf Paletten und Druckfarbe in Plastikeimern. Vom Plattenspieler dröhnt London Calling von The Clash. »Das ist mein erster Testlauf«, erklärt Steidl – ein Format, dass er sich für Umbaupausen ausgedacht hat, um Künstlern wie Peress, mit dem er gerade ein großes Buchprojekt abgeschlossen hat, die Möglichkeit zu geben, neue Präsentationsformen für ihre Werke auszuprobieren – und dem Publikum so den kreativen Prozess des Büchermachens sinnlich nahezubringen.

Es geht los mit Roni Horn und einer Schau über Tiere


Zur Eröffnung im Juni werden die Räume dann von Roni Horn übernommen. Die bekannte New Yorker Künstlerin und documenta-Teilnehmerin, deren Arbeiten oft um Identität und Sprache kreisen, nutzt Fotografie und Zeichnung für ihre poetischen Installationen und wird alle drei Etagen bespielen. Zu sehen sein werden ihre collagenartigen Papierarbeiten mit Textschnipseln und Landkarten, serielle Porträts und auch ihre Künstlerbücher. Danach steht die Gruppenausstellung »Modell Tier« auf dem Programm, in der es um die Darstellung von Tieren in der zeitgenössischen Kunst geht und neben Fotos von Jo Longhurst und Olivier Richon auch eine fesselnde Videoarbeit der israelischen Künstlerin Michal Rovner über Schakale in der Nacht zu sehen sein wird.

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Foto 1: OLIVIER RICHON: PORTRAIT OF THE ARTIST AS A YOUNG PARROT, 1997 © Olivier Richon / Courtesy of Galerie Albrecht | Foto 2: JO LONGHURST: I KNOW WHAT YOU’RE THINKING 4/4, 2003 © Jo Longhurst


So lässt Gerhard Steidl eine Ausstellung nach der anderen vor unserem inneren Auge aufblitzen, während wir die elegante Treppe nach oben steigen. Ganz beiläufig erzählt er auch von seinem kühnen Plan, das Kunsthaus nächstes Jahr zum Nebenschauplatz der documenta 15 zu machen. Im zweiten Stock hängt seine Präsentation. Der Verleger will das Konzept des indonesischen Kuratorenteams ruangrupa aufgreifen, in dem es viel ums Teilen und gegenseitiges Lernen geht, und vorschlagen, während der documenta in Göttingen 100 Tage lang Workshops mit Künstlern und Aktivisten aus Afrika, Indien und der Türkei zu organisieren.

Platz genug wäre hier. Inzwischen sind wir im Obergeschoss angekommen. Unter dem Spitzgiebel gibt es einen strahlend schönen Raum mit einem Balkon zum Garten hin, von dem man über die Altstadt und Kirchtürme hinweg auf die bewaldeten Hügel des Umlands schaut. Von hier oben kann man auch gut Steidls wachsendes Universum überblicken. Auf der Grünfläche hinter der Druckerei entsteht gerade ein öffentlicher Park. Ringsherum hat Steidl immer mal wieder leer stehende Häuser gekauft, renoviert und für kulturelle Zwecke umgewidmet. In einer ehemaligen Lagerhalle befindet sich nun das Klaus-Staeck-Archiv, in dem alle Plakate und Entwürfe, die der Heidelberger Künstler je gemacht hat, schlummern – und auf zukünftige Forschungen und Ausstellungen warten. Das windschiefe Fachwerkhaus neben dem Kunsthaus-Neubau hat Steidl aufwendig restaurieren lassen und zum Günter-Grass-Archiv gemacht, das heute zur Georg-August-Universität gehört und wo zu Grass als Buchkünstler und -gestalter geforscht wird. In einem ehemaligen Fahrradladen hat er dem US-Künstler Jim Dine ein Atelier eingerichtet. Der hat sich für die Gastfreundschaft mit einer Schenkung revanchiert: Der Stadt Göttingen gehört jetzt Poet Singing (The Flowering Sheets), eine ortsspezifische Installation mit Wandzeichnung, fünf überlebensgroßen Holzfiguren und einer Gipsbüste, für die Steidl gemeinsam mit ein paar anderen Gönnern den Pavillon spendierte. Das House of Words steht jetzt unter einem Kastanienbaum im Garten und kann kostenlos besichtigt werden.

Jim Dine hat Göttingen ein House of Words geschenkt


Dann gibt es da noch das Literarische Zentrum, in dem Lesungen stattfinden und im Herbst alle Fäden des alljährlichen Literaturfestivals zusammenlaufen, und schräg gegenüber neben dem Buchladen das Bibliothekshaus, ein öffentlich zugängliches Studienarchiv zur Verlagsgeschichte, in dem alle Bücher, die Steidl jemals verlegt hat, zum Schmökern einladen. Als der letzte Buchbinder der Stadt in Rente ging, hat er dessen alte Buchbinderei samt allen Werkzeugen und Maschinen erworben und will sie nun als Lehrwerkstatt und Workshop erhalten. So viele Immobiliendeals – da könnte man Steidl leicht für einen kühl kalkulierenden Spekulanten halten, den Paten von Alt-Göttingen? »Nein, ich habe Häuser gekauft, die niemand haben wollte und vieles vorm Abriss bewahrt«, sagt er. Zum Günter-Grass-Archiv pilgern heute Architekturklassen und studieren die vorbildliche Sanierung des über 700 Jahre alten Gebäudes. »Damit das so bleibt, auch wenn ich nicht mehr lebe, habe ich alles jetzt schon in eine Stiftung überführt.«

Nach einem Tag mit dem rastlosen, blitzgescheiten, großzügigen Gerhard Steidl verlässt man Göttingen mit dem beglückenden Gefühl, hier wird tatsächlich mal das umgesetzt, wovon andere nur reden: Local is the new global! Hier ist einer, der die Welt kennt, nach Paris, New York, London, Tokio oder Neu-Delhi jettet, von Superreichen und Supercoolen hofiert wird und doch leidenschaftlich für seine nicht ganz so coole Heimat wirbt – und für die Kunst, die jetzt auch in Göttingen eine ständige Bleibe hat. //




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UTE ESKILDSEN IM INTERVIEW

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Foto: Fotohistorikerin Ute Eskildsen hat am Museum Folkwang wegweisende Ausstellungen realisiert; hier ließ sie sich von Timm Rautert fotografieren
© Timm Rautert


ART: Sie haben die fotografische Abteilung des MUSEUMS FOLKWANG aufgebaut und waren bis 2012 stellvertretende Direktorin in Essen. Jetzt sind Sie Gründungskuratorin des KUNSTHAUSES GÖTTINGEN. Wie sind Sie zu dem Job gekommen?
Die Stadt Göttingen hat mich 2016 um Beratung für die Entwicklung eines Ausstellungshauses gebeten. Sicherlich war meine Erfahrung am MUSEUM FOLKWANG ausschlaggebend, wo ich auch an der Planung des Chipperfield-Neubaus beteiligt war.


Göttingen ist nicht gerade der Nabel der Kunstwelt. Ist es der richtige Ort für so ein Ausstellungshaus?
Das macht durchaus Sinn. Göttingen hat eine lebendige Literatur - und Theaterszene, aber für die bildende Kunst fehlte ein Ort. Für mich persönlich war es reizvoll, dort so ein kleines, feines Haus zu etablieren.


Hatten Sie den Eindruck, dass die Stadt hinter dem Projekt steht?
Ja. Ich hatte in Essen ja lange genug mit städtischen Behörden zu tun. In Göttingen war die Zusammenarbeit sehr kooperativ.


Was war Ihnen bei der Planung des KUNSTHAUSES besonders wichtig?
Für den Bau war es wichtig, sehr gute Raumbedingungen für Papierarbeiten zu schaffen. »Works on paper« ist ja das Programm. Ich finde diese Konzeption spannend. Da gehören auch Bücher und Plakate dazu. Mich hat es immer interessiert, das Angewandte mit dem Künstlerischen zu konfrontieren. Das geht mit Papierarbeiten wunderbar. Wenn Sie sich anschauen, wie viele Leute heute wieder mit Collagen arbeiten, da gibt es viele Themen für die Zukunft.


Mit welchem Publikum rechnen Sie?
Vorerst werden wir das regionale Publikum versuchen, für das Haus zu begeistern, aber natürlich streben wir eine weitere Ausstrahlung an.


Wie entsteht das Programm? Redet da Gerhard Steidl nicht dauernd rein?
Das Programm wird von den Kuratoren und dem Gründungsdirektor entschieden. Für die Eröffnungsausstellung habe ich Roni Horn vorgeschlagen, weil sie prädestiniert ist für unser Programm: Sie arbeitet in allen Medien, wir werden eine Etage mit Fotoarbeiten haben, eine mit ihren Zeichnungen und Grafiken und eine mit ihren Büchern. Sie ist ja eine besessene Büchermacherin. Über die Hängung haben wir gemeinsam per Videoschalte entschieden. Wegen Corona ist es ja derzeit ganz schwierig für Künstler, aus dem Ausland anzureisen.


Roni Horns Bücher erscheinen bei Steidl. Ist das Kunsthaus vor allem ein Showroom für die Künstler des Verlags?
Die Künstlerauswahl sollte nicht von Verbindungen zum Verlag abhängen, aber sicherlich wird es von Zeit zu Zeit Fotografinnen oder Fotografen geben, die mit ihm arbeiten. Meine Erfahrung ist, dass Steidl sehr involviert ist, mir aber nicht reinredet. Aber wenn internationale Künstler in Göttingen sind, weil sie nebenan ein Buch machen, wären wir ja dumm, wenn wir diese Chance nicht nutzen und sie in Workshops oder Talks einbinden. So ist die Nachbarschaft in jeden Fall gewinnbringend. //




Ausstellungstipp | ARAKI

Der japanische Bildkünstler verbindet in seinen Arbeiten Kunst und Leben

Wien, Albertina Modern
26.05.2021 – 29.08.2021


Ausstellungstipp

Nobuyoshi Araki | Sentimental Journey, 1971, ALBERTINA, Wien - The JABLONKA Collection © Nobuyoshi Araki

Der Vergleich des hochpolierten Untergeschosses der nagelneuen Albertina Modern im Künstlerhaus mit einer japanischen Suppenküche hinkt zwar ein wenig. Aber am Ende ist es doch auch ein verwinkelter Keller, in dem die erste große Ausstellung Nobuyoshi Arakis in Wien seit Jahren stattfindet. In Suppenküchen, so erzählt der Albertina-Kurator Walter Moser, habe dieser japanische Fotograf von Intimität, Schönheit, Schmerz, Sex und Alltag seine Bilder nämlich in den Siebzigern gezeigt. Radikale Frauenakte hingen da über den hungrig Schlürfenden. Kunst und Leben, das Innere und Äußere, Fotografieren wie Atmen, wie er es einmal selbst ausdrückte – das hat Araki eben schon sehr früh ästhetisch so unverkennbar zu verschmelzen gewusst.
Diese heutzutage in der Fotografie so vorherrschende Behauptung der Authentizität durch einen schnappschussartigen, antikünstlerischen Stil habe der 1940 geborene Araki wesentlich geprägt, erklärt Moser: »Ohne ihn keine Künstler wie Juergen Teller.« Ein »revolutionärer Einfluss«, den er in dieser Ausstellung mit 250 Fotografien herausarbeiten möchte. Sie alle stammen aus der Sammlung Rafael Jablonkas, der Araki »extrem gut«, wie Moser findet, gesammelt hat. Sammeln konnte. Saß der mittlerweile ehemalige Galerist, der Araki in Deutschland vertrat, doch an der Quelle.
2019, nachdem Jablonka seine Kölner Galerie geschlossen hatte, stellte er der albertina dann Teile seiner privaten Kollektion als Leihgabe für zunächst sieben Jahre zur Verfügung. Die Araki-Ausstellung ist jetzt der zweite große Einblick in diesen Block. Ergänzt hat Moser ihn um etliche Fotobücher des Japaners, sieht er diese bei Araki doch als ein wesentliches Ausdrucksmittel. Am liebsten würde er sie gleich Kunstwerken an die Wände hängen, so der Experte. Eines der zentralen Werke der Wiener Schau und für ihren Kurator ein Höhepunkt ist die Serie Sentimental Journey (1971–2017) – »eine der berührendsten der Fotogeschichte«. Bestehend aus drei Teilen, setzt sie ein, als der anfangs noch als Werbefotograf arbeitende Araki die eigene Hochzeitsreise mit der Kamera festhält. Es folgt das tragische Ende dieser Liebesgeschichte, als der Künstler das Sterben seiner krebskranken Frau Yoko dokumentiert. Schließlich folgt noch ein Abschied in Bildern: der Tod des stets als Familienmitglied behandelten Katers.
Und was ist mit den skandalisierten Bondage-Fotos gefesselter Frauen, für die Araki bekannt wurde? Die werden natürlich auch zu sehen sein, aber nur in geringem, konzentriertem Ausmaß vorkommen, so Moser. Wurden sie in den neunziger Jahren, als sie etwa groß in der wiener secession ausgestellt wurden, noch als Tabubruch und Statement gegen eine prüde Gesellschaft wahrgenommen, komme man im Jahr 2021 nicht umhin, sie inklusive der Kritik an diesem »männlichen Blick«, für den sie primär gemacht wurden, zu betrachten. // Autor: Almuth Spiegler


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