Karoline Kroiss
Ihre Figuren kehren uns den Rücken zu, ohne sich uns zu verschließen. Sie entziehen sich der unmittelbaren Begegnung und lassen gerade dadurch einen Raum der Nähe entstehen. Ihre meist weiblichen… weiterlesen
Vita Ausstellungen Interview
Hintergrundinformationen zu Karoline Kroiss
Einführung
Nicht das Gesicht, sondern die Haltung trägt den Ausdruck. Ein gesenkter Kopf, die leichte Drehung einer Schulter, eine Hand in Bewegung reichen Kroiß aus, um eine Stimmung entstehen zu lassen. Ihre Figuren erscheinen konzentriert und gleichzeitig entrückt. Der Verzicht auf Mimik und eine eindeutige Erzählung hält Kroiß’ Bilder bewusst offen. Was sich dem Blick entzieht, lässt der Vorstellung Raum: Wer betrachtet, kann beobachten, ohne einer vorgegebenen Geschichte folgen zu müssen – und eigene Erinnerungen, Empfindungen und Gedanken in die Szene hineintragen.
Ausgangspunkt dieser stillen Bildräume ist die genaue Beobachtung des Alltags. Die Basis bilden Momentaufnahmen: Kroiß fotografiert Frauen in unscheinbaren Augenblicken und spürt jene minimalen Bewegungen und Körperhaltungen, die bei näherem Hinsehen plötzlich eine besondere Konzentration erkennen lassen. Im Atelier löst sie die Figur aus ihrer ursprünglichen Umgebung. Räume, weitere Personen und alles, was vom Wesentlichen ablenken könnte, verschwinden. Was bleibt, ist die Person vor einer reduzierten Farbfläche. Kroiß nimmt ihren Figuren den Kontext, um ihnen Bedeutungsspielraum zu geben.
Die Farbigkeit entwickelt Kroiss im unmittelbaren Dialog mit dem Bild und während des Malprozesses. Kleidung und Muster werden verändert, Hintergründe entwickelt Kroiß im Verhältnis zur Figur; Kontraste setzen Akzente, ohne die Ruhe der Komposition aufzuheben. Der mehrschichtige, teilweise lasierende Auftrag der Acrylfarbe erzeugt feine Übergänge und eine Oberfläche, die der formalen Reduktion malerische Tiefe entgegensetzt. So sind die Hintergründe niemals bloße Leere. Sie werden zu atmosphärischen Räumen, in denen die Figuren aufgehoben scheinen.
Manchmal tritt etwas hinzu: Seifenblasen schweben durch die Fläche, Bänder durchziehen das Bild, Schmetterlinge begleiten eine Figur. Diese Elemente erklären die Szene nicht, sie erweitern sie. Die Flüchtigkeit einer Seifenblase oder die feine Linie eines Bandes werden zu visuellen Resonanzen jener kurzen Zustände, die Kroiß festhält – Augenblicke, die gerade deshalb kostbar erscheinen, weil sie sich nicht festhalten lassen. Auch an anderer Stelle verschiebt die Künstlerin die Grenze zwischen Wirklichkeit und Bildraum behutsam: Muster können sich von Kleidungsstücken lösen oder Linien ein Eigenleben entwickeln. Das Alltägliche bleibt erkennbar und gerät doch für einen Moment aus seiner gewohnten Ordnung. Bereits ihre früheren Arbeiten zeigen dieses subtile Spiel mit Realität, Poesie und leiser Irritation.
Ihre Figuren bleiben in einem Zwischenzustand von Ruhe und Entrücktheit indem Rückzug nicht zwangsläufig Einsamkeit und Stille nicht Leere bedeutet. Ihre Figuren wenden sich ab, ihre Bilder jedoch nicht: Karoline Kroiß zeigt nicht, was in ihnen vorgeht – sie schafft den Raum, in dem das Unsichtbare sichtbar werden kann.
Vita
Auszeichnungen
| 2004 | Walter Hellenthal Preis |
Stipendien
| 2007 - 2015 | Atelierstipendium des Berliner Senats |
Ausstellungen
| 2026 | Landschaften, Raab Galerie, Berlin |
| 2024 | Fleurs Fiore Flowers, Raab Galerie, Berlin |
| 2023 | 45 Jahre Artes, Kunsthaus Artes, Berlin |
| 2022 | ECCE HOMO, Kunsthaus Artes, Berlin |
| 2021 | Affordable Art Fair Hamburg |
| 2020 | Miniaturen, de Kunst Salon, Utrecht/Niederlande |
Einzelausstellungen
| 2025 | Wenn man am wenigsten damit rechnet, Raab Galerie, Berlin |
| 2024 | Beyond Symbols, Kunsthaus Artes, Berlin |
Interview
Picasso sagte einst: „Du machst keine Kunst, du findest sie.“ Wo findest du deine Kunst?
Im genauen Hinsehen. Oft liegt das Besondere nicht im Motiv selbst, sondern in der Art, wie wir ihm begegnen. Meine Bilder entstehen aus solchen Momenten der Aufmerksamkeit.
Von der Idee bis zur Verwirklichung: Wie gehst du an deine Arbeiten heran?
Am Anfang steht eine Fotografie. Im Atelier reduziere ich alles, was vom Wesentlichen ablenkt: Hintergründe, weitere Figuren etc. Parallel zur Figur entstehen dann auch Farbentscheidungen für den Hintergrund. Oft verändere ich auch Farben und Muster der Kleidung. Ein Kontrast zwischen Figur und Farbe des Hintergrunds ist mit wichtig. Abhängig von der Körperhaltung der Figur ergänze ich manchmal Elemente wie Seifenblasen, Schmetterlinge, Bänder, die für mich eine symbolische Bedeutung haben.
Dein Lieblingsbuch?
Ich habe kein einzelnes Lieblingsbuch.
Mit welchem Künstler würdest du gerne Kaffee trinken und worüber würdet ihr sprechen?
Mit Edward Hopper. Mich würde interessieren, ob seine Bilder wirklich von Einsamkeit erzählen oder eher von Momenten, in denen Menschen ganz bei sich sind.
Wie kamst du zur Kunst?
Da kann ich nicht den einen Moment oder Auslöser nennen. Ich schaffe gerne schöne Dinge und irgendwie bin ich da unter anderem bei der Malerei gelandet.
Welche Menschen in deiner Umgebung beeinflussen dich?
Menschen, die aufmerksam durchs Leben gehen. Gute Gespräche und alltägliche Begegnungen inspirieren mich oft mehr als außergewöhnliche Ereignisse.
Stell dir vor, du hast eine Zeitmaschine. Wohin geht die Reise?
Eher in die Vergangenheit als in die Zukunft. Vielleicht gar nicht so weit weg. Aber die Möglichkeiten sind mir zu groß. Ich bleibe lieber wo ich bin.
Deine größte Leidenschaft abseits der Kunst?
Alles, was ich mit den Händen machen kann, was ein direktes, fassbares Ergebnis erzeugt. Das geht von stricken, nähen, töpfern über Möbel umgestalten oder selber bauen bis hin zu Wohnungssanierungen.
Woran arbeitest du zurzeit?
Gerade male ich Landschaften. Die werden ganz anders als meine Figurenbilder.