Lifeguards Training I - David Steets
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NACHTMALEREI

David Steets hat viele nächtliche Stunden unter freiem Himmel verbracht, um die Stimmungen der Nacht einzufangen. Die Landschaften unter den weiten Himmelsflächen wirken morgendlich hell und doch unwirklich, sie werden von einem Licht durchflutet, das an die Gemälde des großen, phantastischen Malers René Magritte erinnert.

Auch Magritte machte die Nacht zum Tag, um die Schönheit grundlegender Begriffe und Dinge sowie archetypischer Landschaften zu betonen. Das einsame Leuchten eines Bergsteigerlagers in David Steets Aufnahme des Matterhorns in vollkommener nächtlicher Stille gleicht der zentralen Laterne in Magrittes "Reich der Lichter" aus dem Jahr 1954.

Es gibt aber einen entscheidenden Unterschied von David Steets Bildern zur Malerei: Sie sind nicht erfunden. Ganz im Gegenteil nutzt der Fotokünstler die modernste Digitaltechnik, auch um einfache Grundlagen der Astronomie bildhaft vorzustellen. So ziehen die Sterne in den Zeitaufnahmen scheinbar ihre Kreise um den Polarstern, den hellsten Punkt im Sternbild des kleinen Wagens.

Dieser Fixpunkt am Himmel war und ist von großer Bedeutung für die verschiedensten Kulturen und für die Navigation. Die fotografisch aufgezeichneten Sternenbahnen zeigen aber die Drehung der Erde selbst, beobachtet von der nördlichen Planetenhalbkugel. Andere aufsteigende oder fallende Sternenbahnen weisen auf eine Ausrichtung nach Westen oder Osten hin. Die warm leuchtenden Himmelsflächen nahe dem Horizont deuten entfernte Dörfer und Städte in der Ferne an.

Die Romantik mit ihren sehnsuchtsvoll leuchtenden Himmeln und geheimnisvollen, durchschatteten Landschaften scheint auf, aber auch die Legende des Sterns, der den Weisen aus dem Morgenland den Weg ins gelobte Land zeigte, klingt an. In David Steets "Nachtmalereien" verbindet sich Astronomie mit märchenhaften, teils surrealen Stimmungen.

Horst Klöver



NACHTS AN DER COPACABANA

David Steets (geb. 1973) erzählt in seinen Fotografien Geschichten – von Menschen und ihren sozialen Lebensbedingungen. Mit der Kamera nähert er sich ihnen an und erforscht sie. Für seine Serien von auffallender bildnerischer Qualität, die bei Reisen um die ganze Welt entstanden, erhielt er u. a. den Kodak Nachwuchsförderpreis sowie die Aufnahme in die World Press Photo Joop Swart Masterclass.

Die Kamera ist nicht nur eine Maschine zum Ablichten und Festhalten, sondern kann auch magischer Motor sein, der einen antreibt Erfahrungen zu machen und in neue Regionen vorzustoßen. Die Kamera verkörpert den Wunsch, fremde Dinge und Situationen aufzunehmen, und dieser Wunsch hat auch David Steets dazu gebracht, in Gegenden zu reisen, die ihm sonst verschlossen geblieben wären. „Ohne Kamera im Gepäck“, sagt er, „ sehe ich oberflächlicher. Die Kamera ist eine Art Brennglas, durch das ich genauer auf die Dinge blicke.“

Die Hitze des Tages glüht noch nach an der Copacabana, aber die Jungs haben schon ihre Trikots übergezogen, um sich in der Nacht zum Fußballspielen zu treffen. Der Himmel ist einfach schwarz, der Platz weit und sandig und von irgendwoher künstlich beleuchtet. Außer zwei Pfosten in der Ferne ist nichts zu sehen, kein Tor, keine Spielfeldbegrenzung. „Night Soccer“ erzählt von Begeisterung und Improvisationskunst und von der Mentalität eines Landes, in dem sich die Lust am Spiel mit dem Traum verbindet, durch den Fußball reich und berühmt zu werden. Fußball ist wohl die einzige Chance dieser Jungs, einmal die Welt bereisen zu können und vielleicht irgendwo im Blitzlichtgewitter der Medien zu stehen.

David Steets sieht sich als Geschichtenerzähler. Er berichtet von Menschen überall auf der Welt und von ihren Versuchen, sich ihr Leben einzurichten und ihre Umgebung zu gestalten. Darin ist er ein Traditionalist und knüpft an das Erkundungsbedürfnis der fotografischen Frühzeit an, als die Pioniere unter größten Strapazen und mit schwerem Gepäck in unbekannte Regionen vorstießen. Wie schon Mitte des 19. Jahrhunderts, so auch bei David Steets, bezieht sich der Erkundungscharakter des Mediums immer auch auf die Selbsterfahrung des Fotografen. „Ohne Kamera würde mir vieles verschlossen bleiben“, betont Steets mit Nachdruck. Fotografie motiviert ihn, überhaupt erst an bestimmte Orte zu reisen. Dem geht eine intensive Recherche voraus, eine Planungsphase, die bereits die Konzentration auf ein Thema schärft, das dann in einer Serie fokussiert wird.



BEGEGNUNG DURCH DIE KAMERA

Auch wenn die Serie an sich den Blickwinkel erweitern mag, legt der Fotograf Wert darauf, dass jedes Einzelbild zudem die ganze Geschichte schon in sich trägt. Die atmosphärische Dichte seiner Fotografien bestätigt umgehend diesen Anspruch. Hier ist jede Aufnahme für sich so stark, dass sie auch außerhalb der Serie Bestand hat und eine Komplexität offenbart, die innerhalb eines selbst gesteckten Rahmens eine große Offenheit für Zufälle und einen extrem sensibilisierten Blick verrät. Mit wachsender Souveränität im Dialog mit den Phänomenen menschlicher Existenz wächst auch die Freiheit im Umgang mit der Kamera. Sie ist für David Steets Kommunikations- und Erkenntnismedium. Für ihn ist Fotografieren nicht Abstandnehmen, sondern Annäherung. Und wenn er von der Brücke in Lagos auf die Kolonne der gelben Sammeltaxis herabblickt, um die sich die Menschen drängen, dann spürt man förmlich, dass er sich keineswegs über die Dinge erhebt. Denn irgendwie scheint die Halbstarken-Gang, die während der Aufnahme hinter ihm steht und darauf wartet, dass er an sie das fällige Schutzgeld zahlt, auch mit im Bild zu sein.

MITTENDRIN AUS DER DISTANZ

Wenn David Steets die Dinge eher aus respektvoller Distanz betrachtet und die Totale bevorzugt, um möglichst viel zu zeigen, sind seine Bilder dennoch puristisch. Manchmal vielleicht auch ein wenig trostlos. Aber dessen ungeachtet vermittelt sich das Gefühl, dass der Mann mit der Kamera mitten drin ist in jeder Situation. Und gerade indem er nicht auf Individuen zielt und das markante Einzelschicksal in den Vordergrund stellt, sondern das ganze Ausmaß der Szenarien bis zum Horizont offen legt, erzählen die Aufnahmen viel über Allgemeinmenschliches, über Wünsche nach idealen Bedingungen, idealen Beziehungen und idealen Städten, über die damit verknüpften Hoffnungen und ihr mehr oder weniger absurdes Scheitern. Das sind geradezu archaische Themen, aber David Steets lässt sich davon nicht beirren, denn er hat erkannt, dass man ihnen durchaus noch immer neue Nuancen abgewinnen kann. So zeigen seine aktuellen Arbeiten Ansichten von Metropolen, die auf dem Reißbrett entstanden sind: Die Stimmung in Städten wie Abuja, Brasilia oder Chandigarh, das wird sofort klar, lässt sich mit Hilfe einer fotografischen Auffassung, wie sie David Steets besitzt, besonders deutlich nachzeichnen.

Dieser Prozess des Nachzeichnens ist es, der David Steets auch als Künstler weiterbringt. Erst indem er das Leben und den Lebensraum anderer in sein Werk einfließen lässt, definiert er unmerklich auch seinen eigenen Standpunkt. Daher verwundert es nicht, dass für ihn persönlich die Situation und der Moment der Aufnahme ebenso große Bedeutung besitzen, wie das fertige Bild.

Dr. Boris von Brauchitsch

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