LAMBDA FOTOGR. ABZUG, NR: BPK21
(von unseren Kuratoren ausgewählt)
- Selection
- Einführung
- Vita
Es war weniger die Wirtschaftswunder-Euphorie, die Abisag Tüllman (1936-1996) in ihren unaufdringlichen und zugleich komplexen Fotografien erfasste, sondern die elegische, graue Nachkriegsschwere, die auch in den 50ern und frühen 60ern noch auf Deutschland lastete. Dieser Blickwinkel entsprach dem feinsinnig-melancholischen und zugleich politisch-wachen Charakter, der die Fotografin auszeichnete. Aber Abisag Tüllmann hatte auch einen Blick für den Wandel. Minutiös beobachtete sie die Entwicklung ihres Landes bis zur Studentenrevolution und weit darüber hinaus. Für Zeitschriften wie Die Zeit oder Der Spiegel reiste die Reportage-Künstlerin zugleich durch die Welt, nach Südafrika, Algerien, Simbabwe, Südkorea oder in den Libanon und bewahrte sich dabei stets ihre solidarische Distanz, mit der sie sich entschieden und notfalls resolut gegen Moden, Effekte und Vereinnahmungen zur Wehr setzte. Abisag Tüllmans Fotografien zeugen von einer tiefen Empathie für den Menschen. Den leidenden, glücklichen, trauernden, kämpfenden. Und diese Gefühle, diesen Lebenswillen in Fotografien zu verdichten, entwickelte sie zu einer, in der deutschen Nachkriegsfotografie beispiellosen Meisterschaft, die in der Ausdifferenzierung feinster Lichtabstufungen ihre Entsprechung fand. Eine Differenzierung, die, wie es Jean-Christophe Ammann formulierte, erst „den Resonanzraum des Bildes“ schuf, in dem die Botschaft ihren Klang voll entfalten konnte.
Dr. Boris von Brauchitsch




















