"Abbilden reicht mir nicht"

Pablo Zuleta Zahr
Pablo Zuleta Zahr

Vier Schüler von Thomas Ruff, Kunsakademie Düsseldorf


Die Düsseldorfer Kunstakademie war häufig gut für deftige Schlagzeilen. Bei den Skandalen und Skandälchen stand die Fotoklasse jedoch stets im Abseits und wirkte dort kontinuierlich und konzentriert. Sie macht statt dessen seit vielen Jahren mit ihren künstlerisch und technisch herausragenden Werken Furore, einst unter der Ägide von Bernd Becher, heute geleitet von Thomas Ruff. Wenn man Pablo Zuleta Zahr fragt, worin seine Arbeit besteht, dann kann es passieren, dass er sich zurücklehnt, seine Hände auf die Knie stemmt und einen mit fast grimmigem Ausdruck fixiert: „Ich will alles sagen. Und ich will vor allem das Unauffällige zeigen.“ Diese charmante Unbescheidenheit kann sich der erst 26-jährige Chilene leisten, denn er weiß sehr genau, was er vorhat, und seine Experimente sind entsprechend präzise und Erfolg versprechend.

Irgendwo im Untergrund, bei neutralem Kunstlicht, hat er seine Video-Kamera aufgebaut, auf eine monochrome Wand gerichtet und ausgeharrt. Doch das Video, das hier entsteht, ist keineswegs das Produkt, das wir zu sehen bekommen. Was der Künstler in zweimal zehn Stunden in Santiago de Chile und Berlin gesammelt hat, dient ihm lediglich als Material. Jeder, der an der Kamera vorbeikam, wurde im Nachhinein separiert. Der tatsächliche Ablauf des Tages interessiert nicht mehr, wenn sich der Künstler daran macht, seine Partituren aus Rhythmen, Formen und Farben zu entwerfen und die Passanten neu zu sortieren. Wie Schnappschüsse wirken die Arbeiten zunächst, bis das Auge die Ordnung im Chaos erfasst. Ein Bild zeigt dahin eilende Damen, gruppiert nach den unterschiedlichen Farben ihrer Anoraks von beige-gold zu blau bis schwarz-grau-braun. Auf anderen Panoramen sehen wir Männer, die alle einen Hut tragen oder junge Leute, die alle im gleichen Adidashemd stecken (siehe www.lumas.de). Ihnen entgeht, dass sie zu Uniformierten geworden sind, denn sie finden erst im Bildbearbeitungsprogramm des Künstlers zusammen. Ohne jede belehrende Geste erzählt Zuleta Zahr uns beiläufig etwas über Moden und Massenware, Trends und Stereotypen. Manche, wie die Damen im Anorak, scheinen sich gezielt zu konfektionieren, andere dagegen sind offensichtlich bemüht, um jeden Preis einen Individualismus zu verteidigen, der umso grotesker wirkt, je massenhafter er auftritt.

Thomas Neumann
Thomas Neumann

Mehr ist manchmal weniger


So wie Zuleta Zahr über Monate die Bildproduktion zweier Tage auswertet, herrscht auch bei einigen anderen Schülern von Thomas Ruff, der seit 2000 Professor an der Düsseldorfer Akademie ist, Zurückhaltung bei der Neuproduktion von Bildern. Vielleicht ist es ein Ausdruck für die Übersättigung, die eine Reihe jüngerer Fotografen dazu bringt, statt selbst weitere Fotos in die Welt zu setzen, die bereits vorhandenen zu adoptieren und „umzuerziehen“.

Thomas Neumann gehört zu diesen Bild-Recycling-Artisten. „Das Abbilden der Welt, um die Abbilder dann an anderer Stelle zu zeigen, interessiert mich höchstens journalistisch, ist mir aber sonst zu wenig. Zur Befriedigung meiner Expressivität reicht das nicht“, konstatiert er. Folglich stammen seine Motive keineswegs aus der Wirklichkeit, sondern aus der Bilderwelt von Magazinen und Zeitschriften. Sein Interesse gilt besonders den gängigen Klischeebildern der Medien, die austauschbar bleiben und deren Informationsgehalt ausgesprochen fragwürdig ist. In endgültige Beliebigkeit stürzt sie Neumann durch das Entfernen der Bildunterschriften. Als letzter Schritt steht auch bei ihm die Bearbeitung. Dabei fügt er keine Daten hinzu, sondern seziert die Bilder in ihre Farbschichten, um diese einzeln zu verfremden. Indem er den Druckprozess damit umkehrt, macht er den handwerklichen Aspekt jeder Bildinformation sichtbar und beraubt sie auf diese Weise auch noch der Illusion von einer immerhin möglichen Authentizität des Mediums.

Überlagern und zersetzen

Auch Natalie Czech verwendet in ihrer Serie „Blattschnitte“ bereits vorhandenes Fotomaterial, Luftbilder, die im Fünf-Jahres-Rhythmus im Auftrag der Landesvermessungsämter aktualisiert werden. Genauestens sondiert sie die Veränderungen und betreibt eine imaginäre Archäologie, indem sie die Zustände eines Ortes zu verschiedenen Zeiten vergleicht. Danach beginnt das Schichten der Aufnahmen. In zwei, meistens drei Lagen übereinander verlieren die Bilder ihre Akribie, denn die Ebenen helfen sich gegenseitig, ihren Anspruch auf präzise Verortung aufzugeben.

Da steht eine Lagerhalle, wo vorher nur Brachland war. Die Lagerhalle ist durchscheinend, denn die Erinnerung an das einstige Brachland ist Teil von Czechs Komposition. Aber vielleicht täuscht diese Sichtweise auch, die wir für so naheliegend halten. Vielleicht hat man die Lagerhalle ja abgerissen, und sie ist es, die zum in die Natur eingeschriebenen Gedächtnis geworden ist. Schnell wird klar, dass es hier nicht um Antworten auf solche Fragen geht, denn Entstehen und Vergehen, Vorher und Nachher werden eins und sind auch mit größter Mühe nicht mehr voneinander zu trennen. Aus den eindeutigen Raum-Zeit-Koordinaten entwickelt sich eine Raum-Zeit-Verquickung, die das Gestern mit dem Vorgestern verschmilzt.

Der ebenso spielerische wie souveräne Umgang mit Zeit und Vergänglichkeit findet sich auch in der Serie „imago moribunda I“ von Juergen Staack, der als gelernter Fotograf an die Akademie wechselte. Die Bildbearbeitung, die von der Werbung zum Erzeugen perfekter und geleckter Oberflächen genutzt wird, wendet er nun gegen die Fotografien und zielt nicht auf ihre Glättung, sondern ihre Zersetzung. Auf dem Flohmarkt entdeckte er eine sehr eigenwillige Serie von Porträts aus der Zeit um 1900. Die Aufnahmen, die ihren eigenen Verfallsprozess in Gang gesetzt hatten, wirkten bereits stark verblasst. In ihrer Sachlichkeit waren sie wohl nicht fürs Familienalbum bestimmt, eher für eine Kartei, doch alle Mutmaßungen bleiben wage. Sicher ist nur, dass heute alle Abgebildeten tot sind, verschwunden vor Jahren, eher Jahrzehnten. Sie sind abgetaucht in die Anonymität, und es existiert vielleicht nichts mehr von ihnen als diese Fotografien, die sich ihrerseits im Prozess des Verfalls befinden.

Natalie Czech
Natalie Czech

Den Tag zur Nacht gemacht


Zum Verschwinden hat Juergen Staack auch seine Schienenarbeiter gebracht, die er scheinbar bei nächtlicher Tätigkeit beobachtete. Irgendetwas jedoch irritiert, widerspricht der Seherfahrung, denn nicht die Leuchtstreifen an ihren Uniformen reflektieren das Blitzlicht, wie man erwarten sollte, sondern es sind die orangenen Uniformen als Ganzes, die leuchten. In Wahrheit wurden die Arbeiter tagsüber fotografiert und nachträglich in eine künstliche Nacht getaucht.

Entstanden sind sehr ambivalente Bilder, die zwischen glatter Ästhetik, einem plakativen Farbflächenspiel und einer beklemmenden Anonymität changieren. Hinter der Uniformierung findet sich kein Individuum mehr, die Kleidung hat alle Identität ausgelöscht, und geblieben ist nur ein geschäftiger Wespenschwarm, beauftragt, unsere Straßen in Ordnung zu halten. Thomas Ruff hat in seinem ausgesprochen vielseitigen Werk eindrucksvoll bewiesen, dass Bildrecycling und Bildbearbeitung – mit denen er sich in mehreren Serien seit Ende der 1980er-Jahre beschäftigte – dem Personenkult und Marktwert keinesfalls abträglich sind. Eine Reihe seiner Schüler pflegt denn auch den ebenso selbstverständlichen wie reflektierten Umgang mit der gezielten Selektion aus Vorhandenem und den Möglichkeiten des Computers.

Jürgen Staack
Jürgen Staack

Zum Verschwinden hat Juergen Staack auch seine Schienenarbeiter gebracht, die er scheinbar bei nächtlicher Tätigkeit beobachtete. Irgendetwas jedoch irritiert, widerspricht der Seherfahrung, denn nicht die Leuchtstreifen an ihren Uniformen reflektieren das Blitzlicht, wie man erwarten sollte, sondern es sind die orangenen Uniformen als Ganzes, die leuchten. In Wahrheit wurden die Arbeiter tagsüber fotografiert und nachträglich in eine künstliche Nacht getaucht.

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