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Auf ins virtuelle Stadion!

Eine Explosionswolke füllt das gesamte Format. Sie ist dekorativ, sie ist undefinierbar und sie ist rosa. Sprengen sie den Palast der Republik, wie sie einst das Stadtschloss sprengten, sind wir im Krieg oder vielleicht doch nur wieder in Hollywood? Nie werden wir es erfahren, denn wir haben nichts als diese eine rosa Wolke, die sich möglicherweise irgendwann lichten und etwas Verborgenes freigeben würde, wenn sie kein Foto wäre. Aber sie ist Fotografie, und so bleibt das Dahinter für immer ein Rätsel.

Vielleicht ist es ein Ausdruck für die Übersättigung mit Bildern, die eine Reihe jüngerer Fotografen dazu bringt, statt selbst weitere Fotos in die Welt zu setzen, die bereits vorhandenen zu adoptieren und „umzuerziehen“. Thomas Neumann gehört zu diesen Bild-Recycling-Artisten. „Das Abbilden der Welt, um die Abbilder dann an anderer Stelle zu zeigen, interessiert mich höchstens journalistisch, ist mir aber sonst zu wenig. Zur Befriedigung meiner Expressivität reicht das nicht.“

Folglich stammen seine Motive keineswegs aus der Wirklichkeit, sondern aus der Bilderwelt von Magazinen und Zeitschriften. Beim Durchstöbern der Illustrierten gilt sein Interesse besonders den gängigen Klischeebildern der Medien, die vollkommen austauschbar bleiben und deren Informationsgehalt ausgesprochen fragwürdig ist.

In endgültige Beliebigkeit stürzt sie Neumann, der an der Düsseldorfer Akademie bei Thomas Ruff studierte, indem er ihnen Bildunterschriften raubt und sie ganz auf sich selbst zurückwirft. Der dritte Schritt ist die Bearbeitung. Dabei fügt er keine Daten hinzu, sondern seziert die Bilder in ihre Farbschichten, um diese einzeln zu verfremden. Indem er den Druckprozess damit umkehrt, macht er auch den handwerklichen Aspekt jeder Bildinformation sichtbar und nimmt den Bildern auf diese Weise auch noch die Illusion einer möglichen Authentizität des Mediums.

Schlaglichter in der Erinnerung

Jeder einzelne der extrahierten Filme, aus denen das Bild zusammengesetzt war, kann nun weiterbearbeitet werden. Pixelung, Unschärfe, Rasterung oder Farbverfremdung – die Möglichkeiten der Manipulation sind vielfältig. Beim wieder Zusammensetzen verschiebt Neumann schon mal die Schichten ein wenig gegeneinander und erzielt den Effekt des „Verdruckten“, wie er sonst bei schlampiger Arbeit eines Druckers entsteht.

Dem Konkreten setzt er das Vage entgegen, wie es dem Medium Fotografie viel eher entspricht. Denn ein Dokumentarfoto bleibt immer ein Schnappschuss, der der Interpretation bedarf. Bilder prägen sich zwar schlaglichtartig in unsere Erinnerung, geben sich mehr oder weniger spektakulär, aber was sie uns erzählen, bleibt im Ungewissen. Was sagt mir eine Menschenmasse? Sie behauptet nur sich selbst und nichts darüber hinaus. Ist es ein Pop-Konzert, ein Kirchentag oder eine Demonstration? Und wenn es eine Demonstration ist, wofür wird demonstriert? Thomas Neumann verweist nicht ohne Nachdruck auf diese Beliebigkeit. Zeitschriften sind mehr oder weniger geistreich sortierte Bilderhaufen, in denen Krieg und Fitnesstipps, Werbung und VIPs mit gleicher Gültigkeit nebeneinander stehen und damit gleichgültig werden. Dieser entwerteten Masse neue Reize abzugewinnen, ist eine Herausforderung, der sich Neumann gestellt hat.

Gegen die Masse

Auch sein Stadion ist keineswegs das, was es vorgibt zu sein. Es erscheint als Luftbild einer Sportanlage, ist aber in Wahrheit nichts als eine Simulation, die ihrerseits vorgibt eine (zukünftige) Realität wiederzugeben. Mit Dokumentation (von lat. docere = belehren) haben solche Zeitungsbilder schon lange nichts mehr zu tun, sie wollen vielmehr verschleiern und täuschen. Indem Neumann sie farbig auflädt und verfremdet, befreit er sie von ihrer ursprünglichen informativen Aufgabe, an der sie so kläglich gescheitert sind. Das einzige, was er aus der Welt der Zeitschriften übernimmt ist die Bildauswahl, die so willkürlich ist wie die bunte Welt der Massenmedien. Wenn alles gleich gültig ist, dann kann auch alles einen formalen Reiz entfalten. Neumann geht den Weg konsequent weiter. Was einmal auf der Fotografie zu sehen war, scheint ihn kaum noch zu interessieren. Alles ist schön. Oder sagen wir besser: alles birgt das gleiche Potential ästhetischer Wirksamkeit.

Die Konzernzentrale steht neben der Eiskunstläuferin, ein Seestück neben Löscharbeiten der Feuerwehr. Neumann spielt virtuos mit den Versatzstücken einer Medienkritik, ohne sich in sie zu verbeißen. Im Hintergrund seiner Arbeit lauert immer das gesunde Unbehagen am Inflationären der aktuellen Bildproduktion. Dieses Unbehagen teilt er mit anderen Ruff-Schülern, wie Natalie Czech oder Pablo Zuleta Zahr, die jedoch völlig verschiedene Antworten auf die elementare Frage des stetig wachsenden Bilderkonsums und seinen Folgen gefunden haben. Was für alle drei gilt, ist – unabhängig von allen Kommentaren zu gesellschaftlichen Entwicklungen – die Ablehnung eines reinen Konzeptualismus. Das Sinnliche, das Effekte und Überraschungen durchaus nicht scheut, verlieren sie nie aus den Augen. Thomas Neumann entwickelt geradezu einen sarkastischen Unterton, wenn er das visuelle Blabla des Bildjournalismus – Gegenstück zu profillosen Talkplattitüden à la Christiansen – als formloses Rohmaterial benutzt. Wenn sie schon zu sonst nichts taugen, sind diese Bilder die ideale Basis für eine ästhetische Aufladung.

Dr. Boris von Brauchitsch



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