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Zeichen einer flüchtigen Welt

Welche Möglichkeiten bietet die Fotografie heute? Welche Sichtweisen kann das Medium noch eröffnen, in einer Zeit der Bilderflut, des Alles - schon - Gesehenen? Sabine Schnell sucht die Antworten in einer Ästhetik der veränderbaren Form. Der Fotoapparat ist da, um überlistet zu werden, um ihm Bilder zu entlocken, die jenseits des Sichtbaren liegen: Bilder, die uns ins Reich der Imagination führen, an die Grenze zwischen Sehen und Ahnen. Ihre fotografische Geste will nichts festhalten, sondern die Möglichkeiten des Bezweifelbaren ausloten. In den aktuellen Arbeiten der Künstlerin ist es die Immaterialität des digitalen Mediums, die als offenes Potential fungiert: Die vom Apparat aufgenommene Lichtspur – eine Spur der realen Welt – wird zum frei gestaltbaren Material. Radikaler als bei der analogen Fotografie rückt die Veränderbarkeit in den Vordergrund, die Manipulierbarkeit der Bildelemente. Eine prinzipiell malerische Vorgehensweise, die das Gestalterische und Morphologische betont. Die fotografische Maschine wird zum Augenzeugen, jedoch nicht als wachsamer, kontrollierender Blick, sondern als ein Sehen, das en passant den Strom der Dinge an sich vorübergleiten lässt, als ein Seismograph für Atmosphäre, Licht, Farbe und Bewegung. Nicht der Blick durch den Sucher – der mit der Kamera verschweißte, auflauernde Blick, der einen einzigartigen Moment festhalten will – sondern die Betrachtung der Welt auf dem Display bietet für Sabine Schnell den Ausgangspunkt, definiert den offenen Bereich des Suchens. So entsteht ein kreativer Abstand zum Objekt, der es der Fotografin ermöglicht, sich unterschwelligeren Bereichen der Wahrnehmung anzunähern. Ein Blick aus dem Augenwinkel sozusagen. Bereits in der ersten Etappe des künstlerischen Produktionsprozesses, in der Phase der Aufnahme der Bilder, werden die Faktoren Zeit und Bewegung aufs Engste miteinander verwoben. Das eigene Fortschreiten der Fotografin – ihre Bewegung in den Raum – spielt dabei eine wesentliche Rolle, wird zur dynamischen Größe. In der Serie 'Escaping' wird diese Verflechtung von Zeit und Bewegung zusätzlich durch die Langzeitbelichtung und den Einsatz des Zooms markiert. In der Serie 'Balances' ist es das serielle Prinzip von Belichtungsreihen, das zur Überlagerung von Zeitebenen führt. Die Folge ist eine räumliche Schichtung, eine transparente Durchdringungvon Figur und Grund: Das, was im Bildraum am nächsten ist, entfernt sich zugleich, entzieht sich, entflieht. Die Bilder werden zu Zeichen unserer flüchtigen Welt, die vom Transitorischen der Zeit zeugen, vom Ephemeren der Wirklichkeit. Diese prozesshaft entstandenen Aufnahmen liefern der Künstlerin dasMaterial, das in einem zweiten Schritt am Bildschirm bearbeitet wird. Hier, im digitalen Bildraum, beginnt der eigentliche malerische Akt, zeigtsich die Lust am Bildermachen. Was im Vorfeld definiert ist, ist das Motivin seiner raumzeitlichen Verflechtung. Alles andere wird zur flexiblen Größe. Ausschnitt, Kontrast, Proportion, Format: Die Komposition entstehtals Akt der Interpretation, als Materialisierung eines offenen Potentials. Die Farbe wird zum suggestiven Bedeutungsträger: voluptisch, sinnlich, ausgreifend. Oder so zart und transparent wie Aquarell. Meistens sind es Menschen, denen wir auf diesen Bildern begegnen. Keine Individuen, sondern wesenhafte Erscheinungen, Figuren im Raum, denen eher etwas Skulpturales denn Psychologisches anhaftet. Silhouetten, die in ihrer Bewegtheit Vitalität und Dynamik ausstrahlen. Wesen, die in Auflösung begriffen sind, die an der Grenze zwischen Erkennbarkeit und Abstraktion angesiedelt sind, zwischen Verdichtung und Entgrenzung, zwischen Menschlichem und Animalischem. Von diesen Fotografien geht eine Sogkraft aus, die uns in den Bildraum hineinzieht, ins subtile Reich der Farbe als Materie. Nicht um Mimesis und Repräsentation geht es in diesen Bildern, nicht um Dechiffrierung, sondern um Transformation in Handlung, um Metamorphose. Die Fotografien von Sabine Schnell zeigen uns Prozesse und Zonen der Übergänge. Sie lassen uns eintauchen in eine Welt sich verändernder Strukturen und Perzeptionen. Sie sind offene Fährten.

Dr. Nicoletta Torcelli

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