Pablo Zuleta Zahr
 
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Baquedano

Der in Chile geborene und in Berlin lebende Künstler Pablo Zuleta Zahr singt das alte Lied der Straße neu. Seine großformatigen, formal streng komponierten Bilder verwandeln sich je nach Abstand in formale Partituren einer urbanen Sinfonie des Zufalls. Oder sie animieren, geht man nah an sie heran, zur intensiven Spurensuche, bei der der Betrachter allerlei Zusammenhänge zwischen den abgebildeten Personen herstellen kann.

Er filmte in Santiago de Chile und in Berlin über mehrere Stunden lang wahllos Passanten in einer U-Bahnstation, um sie anschließend einzeln aus dem filmischen Zusammenhang zu schneiden und nach bestimmten Mustern zu neuen Gruppen zusammen zu setzen. Bewusst verkürzte er in den 2004 entstandenen Arbeiten den Ausschnitt auf die Wirklichkeit, um typologische Muster an den Personen erkennbar werden zu lassen – Ähnlichkeiten, die als solche nur schwer in der Realität wahrzunehmen sind.

Erst die künstliche und künstlerische Rekonstruktion der Wirklichkeit macht diese bestimmte gesellschaftliche Realität sichtbar. Wer das alte, erst 2007 modernisierte Bussystem in Santiago de Chile noch kennen gelernt hat, wird sich des Eindrucks nicht erwehren, es habe Zuleta Zahr bei der Wahl seines Darstellungsrasters Pate gestanden.

Auf der zehnspurigen Hauptstraße durch die Innenstadt, der Alameda, reihte sich zu Stoßzeiten beinahe durchgehend ein gelber Bus an den anderen, nicht nur hintereinander, sondern auch parallel. Für die Angestellten aus den Stadteilen waren die kleinen wendigen Micros unersetzlich. Man sprang auf sie auf, wie sie kamen, auch ohne Haltestelle. Und so, wie die Busse äußerlich einander glichen und dennoch individuell ausgestattet waren, so wirkten auch die Outfits der Angestellten, die diese Busse vornehmlich benutzten. Differenz und Identität.

In einem Interview antwortete Zuleta Zahr einmal auf die Frage, worin seine Arbeit bestünde: "Ich will alles sagen. Und ich will vor allem das Unauffällige zeigen!" Es gibt eine Erzählung von Paul Auster, die auf Zuleta-Zahrs Aussage zur unsichtbaren Komplexität sehr gut passt. In ihr folgt ein Mann einem anderen auf langer Wanderung durch die Straßen von New York. Als er den gesamten Weg tags darauf in einem Stadtplan nachzeichnet, ergibt sich plötzlich das Wort "BABYLON".

Man kann Zuleta-Zahrs Bilder sowohl als rhythmisch-visuelle Großstadtpartituren verstehen, in denen Passanten wie Noten zu optischen Harmonien gefügt stehen. Oder man betrachtet sie als artifizielle Filmstreifen einer ins Offene projizierten Typologieästhetik.

Das Großartige an ihnen ist auf jeden Fall das hohe Maß Bedeutungsvielfalt innerhalb eines klar umrissenen Wahrnehmungskonzepts.

Stephan Reisner



Auffällig unauffällig

Wenn man Pablo Zuleta Zahr fragt, worin seine Arbeit besteht, dann kann es passieren, dass er sich zurücklehnt, seine Hände auf die Knie stemmt und einen mit fast grimmigem Ausdruck fixiert: „Ich will alles sagen. Und ich will vor allem das Unauffällige zeigen.“ Diese charmante Unbescheidenheit kann sich der erst 28-jährige Chilene leisten, denn er weiß sehr genau was er vorhat, und seine Experimente sind entsprechend präzise, ergebnisorientiert und Erfolg versprechend.

Irgendwo im Untergrund, bei neutralem Kunstlicht, hat er seine Video-Kamera aufgebaut, auf eine monochrome Wand gerichtet und zehn Stunden ausgeharrt. Tag und Nacht sind an solchen Orten nicht zu unterscheiden und nur durch die Dichte der Passanten ließe sich erahnen, ob man sich zur Schlafenszeit oder zur Rushhour dort befindet. Doch das Video, das hier entsteht, ist keineswegs das Produkt, das wir zu sehen bekommen. Was der Künstler in zweimal zehn Stunden in Santiago de Chile und Berlin gesammelt hat, dient ihm lediglich als Material. Jeder, der an der Kamera vorbeikommt, wird im Nachhinein separiert. In Ordnern, nach Merkmalen der Kleidung sortiert, harren die Passanten einer Neuordnung in Panoramen. Dabei wird keiner vergessen, keiner wird manipuliert, keiner taucht ein zweites Mal auf. Der tatsächliche Ablauf des Tages interessiert nicht mehr, wenn sich Zuleta-Zahr daran macht, seine Partituren aus Rhythmen, Formen und Farben zu entwerfen. Diese zeitlosen Rekompositionen haben eine poetische Kraft, die auf der Begegnung von Schein und Sein gründet.

Wie Schnappschüsse wirken zunächst die Arbeiten, bis das Auge die Ordnung im Chaos erfasst. Das eine Bild zeigt Damen im Pelz, das andere den Sekretärinnentypus mit roter Bluse und Papieren unter dem Arm. Da sie nicht zur selben Zeit am Ort waren, hetzen sie auf den Bildern teilnahmslos aneinander vorbei, ohne giftige Seitenblicke auf die zum verwechseln ähnlich gekleideten Kolleginnen.

Auf anderen Panoramen sehen wir eine Gruppe von Männern, die alle einen Hut tragen oder jungen Leute, die alle im gleichen Adidashemd stecken, studentische Gestalten im Einheitslook. Ihnen entgeht, dass sie zu Uniformierten geworden sind, denn sie finden erst im Bildbearbeitungsprogramm Zuleta-Zahrs zusammen.

Ohne jede belehrende Geste erzählt er uns ganz nebenbei etwas über Moden und Massenware, Trends und Stereotypen. Manche, wie die Sekretärinnen, scheinen sich gezielt zu konfektionieren, andere dagegen sind offensichtlich bemüht, um jeden Preis einen Individualismus zu verteidigen, der umso grotesker wirkt, je massenhafter er auftritt.

Dichtung und Wirklichkeit


Aus der scheinbar wahllosen Vielfalt, die die Videoaufnahme einmal zeigte, ist eine Art Statistik geworden. Jedoch sind Zuleta-Zahrs Typologien keine Auswüchse angestaubter Bürokratie und haben auch nichts von der oft spröden Strenge, die an der Düsseldorfer Akademie noch immer im Geist Bernd Bechers nachwirkt. Zuleta-Zahr studiert dort bei Thomas Ruff, aber seine Arbeiten sind eine respektvolle Befreiung von den überkommenen Traditionen. Die Schule des Sehens, auf die sein Lehrer besonderen Wert legt, die Skepsis gegenüber der Massenhaftigkeit der Bildproduktion, hat sich in den Arbeiten des Schülers radikal manifestiert. Nicht so wie bei den Ruff-Schülern Natalie Czech oder Thomas Neumann, die auf eigene Neuproduktion von Wirklichkeitsabbildern völlig verzichten, aber mit einem ähnlich klaren Verdikt: Das, was man in zwei Tagen an Eindrücken (in sich) aufnimmt, birgt genug Material für zwei Jahre. Als Künstler hat Zuleta-Zahr die Möglichkeit, sich für die Verarbeitung den Luxus der Zeit zu gönnen.

„Ich weiß nichts über diese Menschen“, sagt Zuleta-Zahr mit Blick auf die flüchtigen Passanten, die ihn über Monate beschäftigten, „ich suche nur die Zufälle.“ Das klingt dann doch wieder sehr bescheiden. Denn steckt in diesen gehäuften Zufällen nicht auch ein Panorama unserer Gesellschaft? Je mehr wir uns in sie vertiefen, desto mehr erfahren wir über einen fragwürdigen Individualismus, über Markenbewusstsein und über Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen zwei Metropolen zweier Kontinente in einer globalisierten Welt.

Die Ordnung der Beliebigkeit

„Wie es eine vergleichende Anatomie gibt, aus der man erst zu einer Auffassung der Natur kommt, so hat dieser Photograph vergleichende Photographie betrieben“, schrieb Alfred Döblin 1929 über August Sander, der sich daran gemacht hatte, die Menschen des 20. Jahrhunderts nach Ständen geordnet zu erfassen. Seine in sich ruhenden, distanzierten Bildnisse zeigen über-individuelle Repräsentanten der verschiedenen Berufsgruppen seiner Epoche und haben scheinbar nichts zu tun mit der Auffassung Zuleta-Zahrs. Thematisiert der nicht vor allem die Geschwindigkeit unserer Gegenwart, die Anonymität und Atemlosigkeit erst bedingt?

Und doch ist die Darstellung der Menschen des 21. Jahrhunderts in den Kompositionen Zuleta-Zahrs die entsprechende, wenn auch unserer Zeit angepasste und angemessene Auffassung. Es sind nicht mehr die Stände und Klassen, die er voneinander trennt – sie sind heute oft nur noch schwer durch Äußerlichkeiten voneinander zu unterscheiden –, sondern nur noch Farben und Formen einer ent-individualisierten Zivilisation, die in Massenhaftigkeit und Beliebigkeit zu ertrinken droht.

Die Variationen über dieses Thema, die er entwirft, spiegeln in ihrer arrangierten Ausgewogenheit, in ihrer raffinierten Verdichtung jedoch auch den Traum, sich von den Zwängen und Verbindlichkeiten der alltäglichen Existenz zu befreien oder sie zumindest einmal mit relativierender Distanz zu betrachten.  Sie regen dazu an, sich gelegentlich zurückzulehnen und ihnen – entspannt bei Musik und Rotwein – die Zeit zu lassen, ihr komplexes Potential aus ethnographischer Analyse, Choreographie und sinnlicher Farbstudie voll zu entfalten. 

Dr. Boris von Brauchitsch

1978Geboren in Vina del Mar, Chile
1997 - 1999Architektur an der Universidad Catolica de Valparaiso, Chile
1999 - 2006 Kunstakademie Düsseldorf
2006Master in Fotografie mit Thomas Ruff
 Lebt und arbeitet in Berlin, Deutschland




Ausstellungen (Auswahl)


Solo exhibitions
2011Galerie September, Berlin
2010Horizonte de sucesos, Patricia Ready Gallery, Santiago de Chile
EVENTHORIZONT, Richard Levy Gallery, New Mexico
2008LINES AND TIME, Gallery Studio la Cittá, Verona
HORIZONS D*EVENEMENT, Gallery Bendana-Pinel, Paris
2007BUTTERFLYJACKPOT, Gallery September, Berlin
2006CASINO SOCIAL, NAK Kunstverein, Aachen
2003Galerie der Stadt Remscheid
Group exhibitions
2009New Omega Workshops, Gallery September
Sous Marine. Bordeux
Selected Artists, NGBK, Berlin
2008Metal Postcard, Gallery September, Berlin
Madrid Mirada, Circulo de Bellas Artes. Madrid
Join the Crowd, Gallery Ronchini, Terni
2007Art/Unlimited. , Art/Basel, Basel, Switzerland
In Dialogo, Studio la Cittá, Verona
Nach dem Sputnik, KIT, Kunst im Tunnel, Düsseldorf
Intersection VI, Resy Muijsers Contemporary Art, Tilburg, The Netherlands
200611 Contempoararies, Michael Hoppen Gallery, London, United Kingdom
Intersection 0, Resy Muijsers Contemporay Art, Tilburg, The Netherlands
Pingyao International Photography Show, Shanxi Daily, Talyuan, China
Perfect 10, Richard levy Gallery, Albuquerque, New Mexico, USA
New Code, Studio La Città, Verona, Italy
reGeneration : 50 Photgraphers of Tomorrow, Aperture Book Center, New York, USA
200550 Fotografi di domani-ReGeneration, Galleria Carla  Sozzani, Milano, Italy
Rencontres Internationales de la Photographie, Arles, France
ReGeneration. 50 photographes de demain 2005-2025, Musée de l’Elysée, Lausanne, Switzerland
Transformationen – Junge Fotografie, Galerie B, Baden-Baden
2004Nachstellungen – Junge Fotografie aus Düsseldorf, Halle 6 – Galerie Christine Hölz, Düsseldorf
Licht! Zeitgenössische Fotografie, glue, Berlin
Ein Stück Wahrheit – 5 Studenten aus der Ruffklasse, Museum Villa Haiss, Zell a.H




Bücher/Kataloge (Auswahl)

2008Pablo Zuleta Zahr. Solo Catalog by Studio la Citta.
Madrid Mirada, Circulo Bellas Artes, Madrid.
Join the crowd, Gallery Ronchini, Terni.
2007After Cage, 24 Collections in Motion, NAK, Aachen.
 Intersection, Young artists crossing Europe, Resy Muijsers Contemporary Art, Tilburg, The Netherlands.
2006ReGeneration. 50 photographes de demain 2005-2025, Musée de l’Elysée, Lausanne, Switzerland.
2004Nachstellungen – Junge Fotografie aus Düsseldorf, Halle 6 – Galerie Christine Hölz, Düsseldorf.
Licht! Zeitgenössische Fotografie, glue, Berlin
Ein Stück Wahrheit – 5 Studenten aus der Ruffklasse, Museum Villa Haiss, Zell a.H


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