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Von der Ästhetik des Ackers

Es ist keine neue Erkenntnis, dass die Natur mit einem fast unendlichen Spektrum an Formen und Farben aufwartet. Überraschend ist jedoch der Fokus, den Olivier Lasserre (*1953) auf das richtet, was man gemeinhin Kulturlandschaften nennt. Sein Blick geht senkrecht aus dem Hubschrauber nach unten und gilt in den Arbeiten, die er nun bei Lumas präsentiert, mit Vorliebe dem Gemüse.
Möglicherweise schon auf Zeiten zurückgehend, in denen Lasserre Biologie studierte, sicher aber eng verknüpft mit seiner Arbeit als Landschaftsarchitekt, ist sein Interesse an Mikrostrukturen und Texturen besonders ausgeprägt. Über die fotografische Dokumentation von urbanen Zusammenhängen und die Inbesitznahme des natürlichen Lebensraums durch den Menschen gelangte der Fotograf schließlich auch zum Ackerbau, dessen geometrische Ordnung seiner wachsenden Begeisterung für den Konstruktivismus und für Großmeister der Abstraktion wie Mark Rothko entgegen kam. Der Horizont war ihm dagegen als Bildmotiv schon lange suspekt. Er erschien ihm seit einer Sahara-Tour endgültig fragwürdig und verkörperte fortan für ihn den konventionellen Blick Die Darstellung der Horizontlinie hatte in seinen Augen „etwas Abgenutztes, sie verkommt zum klischeehaften Postkartenmotiv“, sie macht aus der abstraktesten Fläche immer wieder Landschaft, bietet lediglich den Rettungsanker für all diejenigen, die auf einem Bild immer noch ‚etwas erkennen’, dass heißt etwas Gegenständliches erkennen müssen. Olivier Lasserre aber ist in gegengesetzter Richtung unterwegs. Er will nicht in der Abstraktion die Landschaft erkennbar machen, sondern Landschaft in Abstraktion überführen.
Es hat den Perfektionisten aus Schweizer Landen gepackt, er hat seine persönliche Obsession gefunden und über Jahre und auf einzigartige Weise die Schönheit des Ackerbaus sichtbar gemacht. Und eines scheint sicher: Sein Flug über die Wallnuss- und Olivenplantagen, die schwarzen Torfböden, die Reis- und Lavendelfelder, Austernbänke und Salzgärten ist noch lange nicht zu Ende, denn seine Neugier ist vermutlich so groß, wie das Spektrum an Formen und Farben, mit dem die Natur aufwartet.

Dr. Boris von Brauchitsch

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