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Stadt als Organismus
Der Brite Matthew Picton studierte Politik und Ökonomie in London und begann 1992 mit der Übersiedlung nach San Francisco seine künstlerische Karriere. In seinen ersten Ausstellungen entlang der amerikanischen Westküste, experimentierte er brillant mit Material und Formen. Sein Ideenreichtum, topografische Objekte neu zu interpretieren, kannte keine Grenzen. Um imposante Landschaften entstehen zu lassen, baute er virtuose Skulpturen aus Pappe und Papier oder tropfte Bergketten aus Zucker.
Seine Leidenschaft gilt in neuen Projekten der Kartographie, denn für ihn repräsentieren vor allem Stadtpläne die Evolution einer Metropole und sind das Gehirn einer Zivilisation. Dem urbanen Puls auf der Spur entwickelt er visuelle Netzwerke, die eigenen Gesetzen gehorchen und jeder Stadt ihren Charakter geben. Vor allem die komplexe Struktur eines vertikalen Raumes hat für ihn eine spezielle visuelle Energie, die er mit neuen Techniken bündelt. Die dafür aus Duralar und Email entstandenen Platten sind eine spezielle Reliefform die Picton in seiner langjährigen Arbeit spezialisiert hat. Sie ermöglichen irritierende Auf- und Durchblicke seiner ungewöhnlichen Stadtkarten.
Diese spezielle Bearbeitung historischer Pläne der europäischen Hauptstädte Berlin, Paris und Amsterdam zeigt raffinierte Überlagerungen von verschiedenen farbigen und filigranen Gitternetzen, Ringsystemen und breiteren Verkehrsadern, die sich mit pulsierenden Wasserläufen verbinden. So entsteht ein neuer Organismus mit eigenwilligem Stoffwechsel. Picton deckt längst vergangene urbane Phänomene auf und zeigt Strukturen, die nur noch als kleinste Puzzleteile im heutigen Stadtbild auszumachen sind. Bevor in den Metropolen ganze Stadtviertel für große Schneisen und Alleen abgebrochen wurden, wie mit dem Haussmann-Plan in Paris, verdichteten sich noch kleinere Quartiere zu einem Konglomerat aus eigenem sozialen Gefüge. Für Picton sind diese Strukturen der Extrakt vor dem großen Umbruch auf dem Weg zur Großstadt.
So gelingen ihm lebhaft simulierte Strukturobjekte einer urbanen Geschichte in zeitgemäßer Sichtweise. Matthew Picton erschafft mit seinem Materialexperiment Bildwerke voller Tiefe und Faszination.
Christina Wendenburg
























