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Ausblicke auf Landschaften
Das Motiv des Fensters zählt zu den klassischen Topoi früher Bildgebungsverfahren wie der Malerei, die die »Welt« in einem dem Menschen verständlichen Format einfassen. Die rahmende Funktion des Fensters schafft dabei einen Ausschnitt, der nicht als willkürliches Fragment erscheint, sondern den Blick nach draußen mit der Sicht auf das vertraute Innen verbindet. In Bezug auf die Bildgattungen der Landschaftsmalerei und des Interieurs bedeutet das, dass »ein nach vielen Richtungen hin offener Raum sich ›schließen‹ muss, um als jenes Bildganze fassbar zu werden, das wir Landschaft
nennen. In gleicher Weise schließt die Darstellung eines Interieurs eine Projektion nach außen ein, aus dem Innern einer geschlossenen Struktur hinaus in Offene. Die Räume eines Hauses oder Gebäudes müssen sich ›öffnen‹, um als Interieur fassbar zu werden«.* Das Fenster produziert in diesem Sinne überhaupt erst den Gegensatz von Interieur und Exterieur. Durch das Außen, das durch das Fenster sichtbar ist, konstituiert sich der Innenraum, umgekehrt
wird das Außen als etwas von dem Interieur Unterschiedenes
wahrnehmbar.
Martina Wolfs Arbeiten entstehen fast immer in Bezug auf solche konkreten Orte, deren visuelles Potenzial sie transformieren, indem sie reale Wahrnehmung in mediale Bilder übersetzen.
Wenn die Dinge nur als Schatten erkennbar, von Vorhängen verdeckt oder von Blenden aller Art der unmittelbaren Wahrnehmung entzogen sind, schiebt sich eine Form von Unschärfe ins Bild, die weiter reicht als das aktuell Sichtbare. Obschon viele Arbeiten von Martina Wolf zunächst wie Studien zum Verhältnis von Mensch und Architektur, realen und imaginären Räumen wirken, geht es meist um eine tieferes Verständnis der Ökonomie des Bildes.
Vanessa Joan Müller: Ausblicke auf Landschaften. In: Katalog Martina Wolf. Verlag für moderne Kunst Nürnberg 2005
Die ältesten Bilder der Fotografiegeschichte zeigen Fenster, Ausblicke aus dem geschützten Raum in die Welt. Die Kamera an sich ist so ein geschützter Raum (und war zu Zeiten der Camera obscura ja auch begehbar), aus dem man durch die Linse wie durch ein Fenster hinaussehen kann. Das Fenster, so könnte man sagen, ist dem Medium der Fotografie zwangsläufig eingeschrieben. Zugleich bleibt das Motiv in seiner Symbolik von Rückzug und Neugier, von vita activa und vita contemplativa so kraftvoll und unmittelbar, dass es sich jedem sofort erschließt. In den Videoprints von Martina Wolf wird das Thema jedoch selbstreferentiell. Ausblicke gibt es keine Ausblicke mehr. Stattdessen versperrte, gespiegelte, regenverwaschene Scheiben, die wiederum Fenster spiegeln und das Draußen höchstens als Schattenspiel hinter heruntergelassenem Rollo oder als Spiegelung eines weiteren Fensters zulassen. In den Reflexionen entstehen wie von alleine Welten und Landschaften, als würden sich die Fenster ihre Ausblicke selbst erfinden. Diese Ausblicke werden zu Einblicken und durch vorsichtige Manipulationen der Künstlerin entsteht ein malerischer Effekt der Verfremdung und der Eindruck gesteigerter Abstraktion. So schlicht das Sujet, so fein entspinnt sich die Poesie, die eine Assoziationskette vom Höhlengleichnis Platons bis zu den Gemälden Edward Hoppers auszulösen vermag. Martina Wolf hat sich behutsam an ein klassisches Motiv herangewagt und ihm mit großer Sensibilität neues Leben eingehaucht.
























