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Künstliche Paradiese
Der Duft, der aus Jose Ramon Ais' luftigen Gräserbildserie Hierbas strömt, ist ein künstlicher und virtueller - und doch scheint es, als lockten die Bildern einen direkt hinein in eine allzu unberührte Natur. Die Fotografien zeigen allerlei Wald- und Wiesenkräuter vor effektvoll kreierten Himmelslandschaften, zur deren dramatischer Vorstellung sich der in Bilbao lebende Fotograf, Künstler und Filmemacher einiger tricktechnischer Hilfsmittel bedient. Die Pflanzen, die sorgfältig arrangiert sind, bekommen über das Chroma Keying-Verfahren einen künstlichen Himmel. So wirken die Gräserensembles förmlich wie von einem Gartenregisseur auf die Bühne gebracht. Die Bilder schwelgen in weicher impressionistischer Farbtonung und erinnern in ihrer artifiziellen Beschaffenheit an die Form der Dioramen des 19 Jahrhunderts. Damals bediente man sich ebenso illusionistischer Raum- und Realitätseffekte, um echte Pflanzen geschickt und scheinbar übergangslos mit gemalten Hintergründen zu einer Einheit zu formen. Ais` sommerfrische Bildaufstellungen changieren zwischen kompositorischer Landschaftsfotografie und malerischem Naturalismus. Sie weisen Anleihen bei der japanischen Kunst des Ikebana auf und erzeugen nicht zuletzt durch den knisternden Wildwuchs der echten Pflanzen eine exquisite luftige Natürlichkeit. Die Grashüpferperspektive verstärkt den duftigen Gesamteindruck zusätzlich und wird um fein ausgezogene Bildschärfen ergänzt. So kann sich der Betrachter ganz nah heranzoomen in diese virtuellen Duft- und Blütenschauspiele aus Wiesenampfer und Springkraut, Zitronenmelisse und Azoren-Thymian. Gleichzeitig überzeugen die Bilder vor allem als harmonisch austarierte Gesamtkompositionen. Mit jedem Bild kommt man einem neuen artifiziellen Naturerlebnis auf die Spur, das ein raffinierter fotografischer Bildner absichtsvoll in den Garten der Anschauung gezaubert hat.
Stephan Reisner























