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Der Monteur

Wohl niemand in der deutschen Kunstfotografieszene hat sich so ausschließlich der Fotomontage verschrieben wie John Schuetz. Er ist in Hartford, im amerikanischen Connecticut, gebürtig und kam 1971 nach Berlin, wo er seitdem lebt und arbeitet.
Die Fotomontage wurde zwar schon in der Frühzeit der Fotografie eingesetzt, als aus mehreren ausgeschnittenen Bildelementen neue Bilder zusammengesetzt wurden. Die eigentliche Hochblüte erlebte sie aber erst in den 1920er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als Künstler wie Hannah Höch, Raoul Hausmann oder El Lissitzky sie aktualisierten. Vor allem John Heartfield wurde damit berühmt. Er perfektionierte die Montage für politische Plakate und die Titelblätter der Arbeiter Illustrierten Zeitung. Der Tradition dieser Zeit weiß sich John Schuetz verbunden. Allerdings setzt er die Technik weniger erzählerisch oder gar agitatorisch ein. Er hat sie für sich praktisch wie künstlerisch weiterentwickelt und ihr eine ganz neue Qualität gegeben.

Objekte und Strukturen werden vereint
Seine in Serien mit verschiedenen Variationen angelegten Fotoarbeiten wirken auf den ersten Blick gegenstandslos, abstrakt. Und dennoch sind sie sehr wirklichkeitsnah. Das hat damit zu tun, dass John Schuetz wie jeder andere Fotograf auch (das muss heute angesichts der digitalen Bilder betont werden) zunächst die Objekte, die er als Bildmaterial für seine Montagen verwenden will, mit konventionellem Diafilm fotografiert. Folglich stecken Licht, Raum, Bewegung und Zeit die Koordinaten ab, in denen er sich ganz wie ein Fotograf bewegt und verschiedene Motivvariationen aus wechselnden Blickwinkeln aufnimmt. Gegenstände, die ihn interessieren, können Stühle, Wasserschläuche oder Oberflächen von Holz sein. Unverkennbar ist sein Gespür für Materialität. Mit den so entstehenden Diapositiven geht er dann an seinen Leuchttisch, eine große milchige Glasscheibe, die übersät ist mit unterschiedlichsten Scheren verschiedener Größe und Form, chirurgischen Skalpellen, Pinzetten, Lupen, Klebebändern, unzerschnittenen Diafilmen und einem scheinbar ungeordneten Haufen mit Filmresten. Am Leuchttisch beginnt dann, ausgehend von zeichnerischen Skizzen, das Zerschneiden des Diamaterials. Die passgerecht ausgeschnittenen Filmstücke werden nachfolgend Stück für Stück auf einer handgroßen Glasplatte zusammengesetzt. Am Ende der Montage entsteht ein großes Dia, von dem dann die Vergrößerungen auf Fotopapier gemacht werden.
Davon abweichend, aber immer noch auf einen realen Hintergrund verweisend, entstanden die bei LUMAS aufgelegten Editionen aus den Serien Deadlight - Deadpan (DLDP) und Faultlines. Dafür hat John Schuetz gefundenes Material verwendet, alte Schwarz-Weiß-Glasplatten, die er von einer London-Reise mitgebracht hat. Wie vermutet, zeigten die Jahrzehnte alten, unbelichtet geblieben Glasplatten interessante Alterungsspuren. Die Platten hatten sich im Verlauf der Jahre auf ihre Weise „entwickelt“, denn die Gelatine mit dem eingelagerten Silber hatte auf Temperatur und Luftfeuchtigkeit einschließlich der Luftverunreinigung physikalisch wie chemisch reagiert. So hat sich Zeit, als ein ganz elementarer Faktor in der Fotografie, ohne die sonst übliche Kameraoptik von selbst abgebildet. Die gefundenen Glasplatten wurden von John Schuetz mit diesen Alterungsmerkmalen auf Schwarz-Weiß-Film dupliziert und dann in Kombination mit unterschiedlich eingefärbtem Diafilmmaterial in seiner Methode auf dem Leuchttisch montiert.

Kalkül im Chaos
Das Wissen um die angewandte Technik erklärt den Weg, wie John Schuetz zu seinen Bildern gelangt, nicht jedoch die jeweiligen Gehalte. Wesentliches Merkmal seiner Montagen war von Beginn an die Missachtung gewohnter zentralperspektivischer Ansichten. Indem er die ordnende Sicht mit klar erkennbarem Vorn und Hinten aufhob, schuf er in seinen Bildern illusionistische Raumdarstellungen, die für den Betrachter auf den ersten Blick verunsichernd wirken. Das gilt gleichermaßen für die geometrisch strukturierten Bilder der Serien Deadlight - Deadpan (DLDP) und Faultlines. Sie zeigen die Spuren von Zeit wie von Vergänglichkeit, in Fragmenten montiert. In ihrer ästhetischen Anlage erinnern die Bilder mit ihren Linien und scharfen Kanten an die Bauhaus-Ästhetik mit ihrem klaren, konstruktivistisch abstrahierenden Duktus (insbesondere werden Erinnerungen an Paul Klees abstrakte Farbbilder wach). Ganz deutlich ist die farbliche Delikatesse der Fotoarbeiten als wichtige, letztlich emotionale Komponente, die sich mit der vollendeten formalen Gestaltung trifft. Zweifellos wirkt hier unmittelbar die persönliche Befindlichkeit mit der Ausdrucksstärke von John Schuetz zusammen und erzeugt eine unverwechselbare künstlerische Handschrift. Zugleich spricht das für die Authentizität der Bildwerke, die stimmig sind mit ihrem Autor. In diesen Bildern pulsiert echtes Leben, umgesetzt in gediegene künstlerische Form. Weiter sollte eine Interpretation der Bilder nicht gehen, um die Ebene des Unerklärbaren zu respektieren und dem Betrachter freie Assoziationsräume zu eröffnen.

Dr. Enno Kaufhold

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