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Seit der Renaissance gehören sie zur Ausstattung von Palästen und Schlössern, die Säle mit den Porträts der „Uomini illustri“, den berühmten Männern aus den freien Künsten. Ahnengalerien gleich, ließ sich durch sie eine Geistesverwandtschaft behaupten und zugleich die Bildung des Schlossherrn illustrieren. Auch das venezianische Café Florian unter den Arkaden des Markusplatzes, in dem schon Lord Byron, Goethe, Proust und Stravinsky ihren Espresso tranken und in dem der Legende nach 1895 die Idee einer Kunstbiennale entstand, leistet sich eine solche illustre Gesellschaft. Von Marco Polo, über Tizian bis hin zu Goldoni sind zehn Helden aus der tausendjährigen Geschichte der Lagunenrepublik versammelt. Irene Andessner, geboren 1954 in Salzburg, hat die zehn Herren vorübergehend durch zehn berühmte Venezianerinnen ersetzt. Die Fotografin selbst verkörpert, in – dem jeweiligen Zeitstil nachempfundenen – Kostümen, Berühmtheiten wie die Porträtistin Rosalba Carriera, die Komponistin Barbara Strozzi, die Kurtisane Veronica Franco oder Elena Lucrezia Cornaro Piscopia, die als erste Frau in der Geschichte einen Doktortitel erlangte. Die weiblichen Berühmtheiten in den Fotografien Andessners sind in Haltung und Blick den ehrwürdigen Männern nachempfunden, so dass die Austauschbarkeit noch evidenter, die traditionelle Beschränkung auf das männliche Geschlecht noch fragwürdiger wird. Parallel zu den Brustbildnissen nimmt Irene Andessner zusätzlich Ganzkörperporträts auf, die auch den umgebenden Eisenkäfig zeigen, der durch die Ansammlung obskurer Objekte an seinen Seitenwänden zu einer Art Kuriositätenkabinett wird, in dem sich die selbstbewussten Frauen souverän behaupten. Die „Donne illustri“ sind feinsinnige Übertragungen zeitlich entlegener Epochen in die Gegenwart, ohne diese zu verleugnen, sie sind direktes und doch unaufdringliches Hinterfragen gesellschaftlich untermauerter Geschlechterrollen und sie sind ein überraschend lebendiges Stück Venedig. Zur Biennale 2003 im Café Florian vorgestellt, sind sie jetzt für jeden verfügbar, der sich seine eigene geistige Ahnengalerie kreieren möchte.
Dr. Boris von Brauchitsch
























