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Bewegte Zeit

Statische Architekturelemente geraten in Bewegung, Raum und Zeit werden gedehnt, Bildelemente und Konturen verschwimmen und modellieren eine neue Einheit. Alles scheint mit allem in Verbindung zu stehen durch ein Fluidum von Licht und Farben. Als befände sich die Welt selbst in einem neuen Aggregatzustand und alles Materielle im Begriff, sich fließend und pulsierend zu verändern.
Bei der künstlerischen Arbeit Gudrun Kemsas mit den Medien Fotografie und Video geht es – so sage sie selbst - um „die Darstellung der kulturabhängigen Wahrnehmung von Licht, Raum und Zeit”.
Die 1961 geborene Künstlerin, die an der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf studierte, ist Meisterschülerin des kanadischen, in Deutschland lehrenden Bildhauers David Rabinowitch und heute selbst Professorin für "Bewegte Bilder und Fotografie" an der Hochschule Niederrhein in Krefeld . Ihr gilt die Fotografie als ein Medium des Sehens, als ein Erkenntnisinstrument, das nicht das Sichtbare wiedergibt, sondern erst sichtbar macht.
Zur Enthüllung von Raum und Zeit als elementare Kategorien subjektiver Wahrnehmung hat Gudrun Kemsa in den seit 1999 entstandenen Arbeiten das Motiv der Bewegung ins Bild gebracht. Dies gilt sowohl für ihre Video-, als auch Fotoarbeiten, wobei sie für die Fotografien längere Belichtungszeiten wählt und die Kamera selbst im Moment der Aufnahme bewegt. Auf diese Weise verlieren sich die Konturen zugunsten eines Zerfließens von Farbe und Form, was den Fotos einen malerischen Aspekt verleiht. Zudem vermitteln die so entstandenen panoramaartigen Bilder den Eindruck von Bewegung und Beschleunigung, die sich auf den Betrachter übertragen. ”Den nächtlichen Potsdamer Platz in Berlin, jenes städtebauliche Sinnbild für Transitorik, Wandel und Dynamik einer deutschen Großstadt, verwandeln Gudrun Kemsas Bilder in immaterielle Lichtschleusen und wirbelnde Hochhausschluchten“, so der Kunstkritiker Andreas Zeising, „das Innere der Reichstagskuppel erscheint einmal als futuristisches Ufo in gleißendem Licht, dann als chromglänzende Turbine, die den Betrachterblick in ihren Sog zieht.”

Alles ist Bewegung
Als einer begeisterten Skaterin sind Gudrun Kemsa der Geschwindigkeitsrausch (vor allem der auf eigenen motorischen Leistungen basierende), die Erfahrung einer vorbei fliehenden Welt und der leichte Schwindel des Schwebens und Dahingleitens wohl vertraut. Auch die Trance-Erfahrungen beim Tanz scheinen der Fotografin – auf deren Website der Besucher mit loungeartigen Technorhythmen willkommen geheißen wird – Anregungen für ihr Programm der Bewegung geliefert zu haben. Bedenkt man, dass in realiter auch nichts wirklich still steht, und wir mit dem gesamten Planeten permanent auf einer elliptischen Bahn mit rund dreißig Kilometern in der Sekunde rotieren, so scheint diesem Programm eine grundlegendere, geradezu kosmische Wahrheit innezuwohnen.
Unter Verwendung von Bewegungsunschärfen sowie extremer Perspektiven und Farbveränderungen transformiert Gudrun Kemsa vertraute Erkennungsparameter und kodiert diese neu. Ein charakteristisches Merkmal ist dabei das Licht, das nicht nur eine Voraussetzung für das Entstehen von Fotografien darstellt, sondern ein Fluidum erzeugt, das die Dinge umgibt, diese aus ihrer Isolation hebt und sie mit ihrem Umfeld verbindet. Mensch, Natur und Architektur zerfließen und reduzieren sich auf farblich strukturierte Raumflecken und Flächen, die austauschbar erscheinen. Die Bewegungen der Bilder übertragen sich auf den Betrachter und erzeugen Stimmungen, die die Erinnerung an Zustandsmomente des Hindurchgehens, Vorbeigleitens, Drehens und Schwebens evozieren.
Nicht die Abbildung aller Elemente eines Raumes ist der Künstlerin wichtig, ebenso wenig die Dokumentation eines wie auch immer gearteten Ereignisses. Es geht ihr vielmehr um die Darstellung von Licht- und Farbsensationen.
Gerade die Farben scheinen die Auswahl eines geeigneten abzulichtenden Raumes zu bestimmen, eines Raumes allerdings, den die Künstlerin nicht konstruieren muss, sondern den sie aufspürt und – gemessen an seiner Tauglichkeit für mögliche Projektionen von Welt und Weltsicht – erkennt: die Sonnenstrahlen mediterraner Orte mit Gärten, Portiken und bräunlichen Schattenzonen, das grün schimmernde Rasenoval eines Stadions mit kontrastierenden Tribünen- und Dachzonenstreifen oder hell flirrende sandgelbe Säulengänge.
Gudrun Kemsa will ihre Panoramafotografien als Zeitbilder verstanden wissen, die den veränderten Raum- und Zeitbegriff unserer Epoche reflektieren. Ihre räumliche und zeitliche Ausdehnung erlaubt eine Erweiterung der Erfahrungswelt. Zeit drückt sich hier direkt in Bewegung aus, und die energetische Kraft des Lichts wird zum zentralen Motiv. Es handelt sich um die Art der Fotografie, die den Rezipienten als Subjekt der Betrachtung berücksichtigt, ihn in sich einschließt und zu einer aktiven Rezeption veranlasst. ”Bewegt euch!“ lautet die Forderung der Künstlerin an den Betrachter – und zwar nicht allein mit den Augen, sondern unter Einsatz von Körper und Geist.

Jörg Leidig

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