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Irasshaimase

Yokohama, Nara, Tokyo. Wir begegnen zahmen Rehen, buntem Plastikmobiliar und Erlebnisparks, barfüßigen Betern und der Vorliebe der Japaner für gefärbte Haare. Soweit das aus den Medien bekannte Bild dieser Inselnation, soweit die Klischees. Aber Fréderic Lebain will mit seinen Aufnahmen nicht denunzieren, nicht Vorurteile bestätigen, sondern dieser Lebensart in Panoramen huldigen. Sein Blick geht weiter, schweift ins Abseitige und begeistert sich auch für die schräge Poesie einer alten Kultur eingezwängt zwischen Konformität und Kapitalismus.

Unterwegs sein, so könnte man vermuten, ist die Hauptbeschäftigung von Fréderic Lebain. Erst reiste er nach New York, Lissabon und in die Türkei, dann waren es die zahlreichen Japanreisen, die den französischen Fotokünstler faszinierten. Glasklare, wie in Eis erstarrte Schnappschüsse von Alltagsdetails brachte er von dort mit, die uns in ausladenden Breitformaten ein Japanbild vorführen, das allen meditativen Purismus zu negieren sucht.

Grell, amüsant und von explosiver Farbigkeit präsentiert sich eine Instantgesellschaft, die an zelebrierter Künstlichkeit kaum zu überbieten ist. Rudimente einer uralten Hochkultur stehen verloren zwischen den Anzeichen schleichender Infantilität und absurdem Konsumgebaren. Und doch ist die Serie „Irasshaimase“ von Fréderic Lebain, die er in diesem Jahr auf den ehrwürdigen Rencontres photographiques in Arles vorstellte, keineswegs beißende Zivilisationskritik, sondern zunächst einmal eine eigenwillige und durchaus liebenswerte Bestandsaufnahme der subjektiv gefärbten Sicht auf ein fremdes Land und seine Besonderheiten. Das Fragmentieren der Motive unterstreicht die latente Orientierungslosigkeit und das Schlaglichtartige der Aufnahmen. Wie Splitter eines bunten Kaleidoskops werden die Emotionen und Impressionen durcheinander gewürfelt, bis am Ende ein Gesamtbild entsteht, dass die Balance hält zwischen skurriler Melancholie und heiterer Verlorenheit.

Wenn der Profi Urlaub macht - „Ferien mit Holga“

Auf einer seiner zahlreichen Reisen entdeckt Lebain bei einem Straßenhändler eine ganz besondere Kamera. Die Holga 120SF, eine Billigkamera, die mittlerweile unter Künstlern und Profis Kultstatus erreicht hat, ist ein Wunderwerk an Simplizität, das zu hundert Prozent aus Plastik besteht – die Linse eingeschlossen. Sie kommt so fehlerhaft vom Werk, dass für die vielen lichtdurchlässigen Ritzen das schwarze Abklebeband gleich mitgeliefert wird. Im Gegensatz zu den hochtechnisierten Geräten heutiger Generation führt die Holga die Photographie wieder zurück zu ihren Wurzeln. Sie fängt eher eine Stimmung ein, als dass sie ein Motiv korrekt abbildet - und ist damit die Krönung der analogen Fotografie. Lebains Serie „Ferien mit Holga“, die in den folgenden vier Jahren im Amerika und Europa entsteht, ist auch ein Dokument für die Sehnsucht nach dem Einfachen und für die Lust am Zufall. „Es ist wichtiger, eine gute Bildidee als eine perfekte Technik zu haben“ sagt der Profifotograf, der für sein Reisetagebuch mit dem einflussreichen „Attention Talent 2001“ Preis der französischen Fnac ausgezeichnet wurde.

Die Abzüge laden mit ihren Fehlern und Unschärfen zu ausgedehnten Entdeckungsreisen ein. Reflexe aus Zahlen und Kreisen, blanke Fehlstellen und bunte Irrlichter an den Rändern, die ansonsten meist schwarz und unscharf sind, mischen sich auf das Bild und erinnern daran, dass zwischen Realität und Abbild etwas Entscheidendes lag. Die Kamera als Verursacher dieser Fehler drängt sich regelrecht in die Betrachtung auf.  „Mit der Holga kann man eben noch richtige Autorenbilder machen“, fügt er hinzu, was den Fotografen wie den Interpreten stärker fordert.

Dr. Boris von Brauchitsch

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