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Shavings

Fallen die Fotografien der Serie shavings, auf denen abgeschabte Buntstiftspäne zu sehen sind, auf smarte Weise ins Genre des abstrakten Minimalismus, so begegnet einem in der Serie Silent Warriors das stille Kämpferherz der kanadischen und nordamerikanischen Indianer der Gegenwart. Der bei Vancouver lebende Klemm reiste weit durchs Land, um mehr als eine folkloristische Bestandsaufnahme der indianischen Gegenwartskultur zu fertigen. In dem gleichnamigen Bildband erzählt er von einer Begebenheit aus seiner Kindheit im Saarland. Damals im Krieg sprengte eine Bombe das Dach des Hauses weg. Er schlief eine Nacht unter freiem Himmel. Seine Mutter zeigte ihm die Sterne und nahm ihm so jede Angst. Die Erinnerung an diese Nacht half ihm, das Vertrauen der Indianer zu gewinnen. Er lernte sie am Rande von Festivals, auf der Straße und vor Supermärkten kennen, unterhielt sich mit ihnen und porträtierte sie dann - bewusst vor einem neutralen Hintergrund. Das Vertrauen war ihm wichtig, weil er einen unverstellten Blick suchte, der von keiner Skepsis verschattet sein sollte. Hundert Jahre zuvor hatte Edward S.Curtis die Ureinwohner des Kontinents noch als Great Warrior fotografiert. Von dessen romantisierender Geste sind Klemms Fotografien weit entfernt. Die Offenheit, mit der er den Nachfahren jener großen Krieger begegnete, spiegelt sich bei vielen der Porträtierten auf wunderbare Weise in einem neuen Stolz und einem wieder erstarkten Selbstbewusstsein wieder. Auf der Suche nach ihrem Antlitz, gab er der so oft missachteten Würde diese Menschen etwas zurück.

Stephan Reisner

Artist Statements:

Zur Serie „Shavings“:

Meine acht Jahre alte Tochter Gina und ich arbeiteten gerade an einer ihrer Zeichnungen als mir die wunderschönen Spiralen der Buntstiftanspitzungen, die auf dem Küchentisch lagen, auffielen. Ich dachte dabei sofort an die Arbeiten von Richard Serra und die Malereien von Jackson Pollock. In den darauf folgenden Wochen spitzten und schärften Gina und ich hunderte verschiedenfarbiger Buntstifte, deren Späne ich dann sorgfältig auf einem Stück Karton arrangierte und mit einer Großformatkamera (5x7'') fotografierte. Das Resultat war eine große Serie abstrakter, über alles schillernder und flimmernder impressionistischer/pointilistischer Werke mit einem klassischen Farb,-Textur und Designhabitus. In diesem Fall ist es nicht der außergewöhnlich banale Gegenstand, sondern der Fotograf, der das Bild zu einem Werk macht!

Zur Serie „Silent Warriors“

Micki „Free“, sein Vater vom Stamm der Chererokee, seine Mutter Comanche, ist ein Musiker (Flötenspieler), der einen Grammy Award gewann. Er lebt in Florida, wo die Seminole Indianer große Kasinos besitzen, die viele unter Ihnen zu reichen Männern machte. Ich traf Micki auf der American Indian Arts Celebration im Big Cypress Reservat in den Everglades. Er ist ein lebendes Beispiel des stolzen und selbstbewussten Indianers und sein magisches und besonders hübsches Portrait wurde eines meiner Lieblingsbilder.

Gut steht es auch um den 16-jährigen „Kasey“ von den Chererokee Nation von Oklahoma. Sein Vater besitzt einen Radiosender. Seine ganze Familie arbeitete an seiner wundervollen traditionellen Kleidung (Regalia genannt) eines sog. „Dog Soldiers“. Sein Kopfschmuck ist aus Truthahn- und Adlerfedern gefertigt. Sie erzählten mir, das der berühmte „Sitting Bull“ zu Kasey´s Vorfahren gehörte. Kasey studiert an der Universität.

„Dark Feather Moon“ von den berühmten Lakota Siouxhat im Zweiten Weltkrieg und im Koreakrieg gedient. Er hat vier Kinder, sein Spitzname lautet „Talksalot“. Er ist jetzt 84 Jahre alt und unterhält immer noch ein Geschäft für traditionelles Kunsthandwerk.

Das Portrait von „Robert“ aus dem Stamm der Tewa, New Mexico, entstand direkt neben dem Haus seiner Eltern, die mich freundlicherweise zum Essen einluden. Er ist aus einer wohlhabenden Mittelklassenfamilie und das Dorf der Tewa in San Juan ist ein schöner Ort zum Leben. Wieder einmal scheint das Kasino in der Nähe der Grund für den neu errungenen Stolz und Wohlstand zu sein.

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